Im Auge des Sturms

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Wartende ukrainische Geflüchtete vor dem Nürnberger Heilig-Geist-Haus und Sabine Arnold. Fotos: Borée
Wartende ukrainische Geflüchtete vor dem Nürnberger Heilig-Geist-Haus und Sabine Arnold. Fotos: Borée

Überwältigende Hilfen für Geflüchtete aus der Ukraine – langer Atem mehr als notwendig

„Habt im Sinn, dass ihr meine Wohnung auch haben könnt“, bot eine Tschetschenin gegenüber Sabine Arnold an. Nach der Bombardierung der dortigen Hauptstadt Grosny vor rund 20 Jahren gelang ihr die Flucht nach Nürnberg. Sie könne nun mit einer Freundin zusammenziehen: Welch eine Hilfsbereitschaft von Menschen, die selbst bereits fast alles verloren hatten!

Doch Sabine Arnold, Aussiedlerbeauftragte und Leiterin der Nürnberger SinN-Stiftung zur Begleitung von Menschen des Dekanats Nürnberg aus der ehemaligen Sowjetunion, hat bereits eine leerstehende Wohnung in einem Pfarrhaus organisiert – für eine Familie mit sieben Kindern, darunter eins, das unter Krebs leidet. Auch die Oma ist mit dabei. Die Tschetschenin hat die Räume dort aufpoliert. 

In einem Gebrauchtladen unweit des Pfarrhauses konnte Arnold bereits eine Küchenzeile reservieren. Sie lässt ihr mobiles Telefon kaum noch aus der Hand. Wenn doch, dann klingelt es garantiert. In der SinN-Stiftung bieten Haupt- und Ehrenamtliche seit 2005 Beratungen an. Auf dieses Netzwerk kann sie nun zählen – um immer mehr Geflüchtete zu versorgen.

Schon steht der Transporter vor ihrer Haustür, von Tobias Graßmann gefahren. Der Theologe hatte bereits die erste Friedensandacht in der St. Leonhardkirche Schweinau organisiert. Der Vater der großen Familie ist mit ihm da. Und ein früherer Freund, der aus Georgien stammt und nun für ihn eine russische Stimme ist. Natürlich braucht es das bei Sabine Arnold nicht – aber sonst überall. Und erst einmal Geld für das Notwendigste auszulegen, ist für ihn selbstverständlich. Er könne auch die Küche anschließen.

Ja, Strom und Heizung funktionieren in dem Ex-Pfarrhaus, das auf seine neue Bestimmung wartet. Bei Tee und Aufback-Pizza geht die Runde die Matratzen durch, die entbehrlich waren. Ja, sie reichen.

„Und holt die Küche schnell ab“, rät Sabine Arnold mehrmals. Doch wird sie morgen noch da sein? Noch ein paar Kisten aufladen, die Sabine Arnold gerade selbst aus ihrem Keller hervorgezaubert hat – und der Transporter braust los. „Der Mesner wartet doch!“ – mit den Schlüsseln vor Ort. Geht alles.

Wer hat noch ein Bettgestell übrig, einen Wasserkocher, Töpfe oder Matratzen? Solche oder ähnliche Nachfragen bevölkern gerade zuhauf die E-Mails, Facebook-Nachrichten oder Messengerdienste. Selbst in den kleineren Städten Mittelfrankens kommen sie langsam an – die Geflüchteten aus der Ukraine. Die ersten Gästezimmer sind entstaubt, Familien dort untergebracht. Plötzlich sind sogar zwei Wasserkocher aufgetaucht – umso besser!  

Impressionen im Ankunftszentrum

Im Ankunftszentrum im Heilig-Geist-Haus, das vergangene Woche noch so beschaulich schien, brummt es nun wie in einem Bienenstock. Die Menschen stehen bis weit auf die Straße hinaus. Auch durch die Flure ziehen sich lange Schlangen. Wer braucht was? Wo ist noch Platz? 

„Wo können wir hier arbeiten?“, fragt eine resolute Frau in den besten Jahren auf Englisch. Grundsätzlich sei dies für Ukrainer möglich, ist immer wieder zu hören. Doch wie und was praktisch – ohne Deutschkenntnisse? Wie können sie möglichst schnell die Sprache lernen?  Wie nach 2015 mit Ehrenamtlichen? Denn die Integrationskurse sind wieder längst zurückgefahren. 

Neben unendlich viel selbstloser Hilfe warnten diakonische Einrichtungen inzwischen davor, dass die Notlage geflüchteter ukrainischer Frauen ausgenutzt werden könnte. In Berlin hätten Männer den Geflüchteten am Bahnhof Schlafgelegenheiten und Jobs angeboten – in entsprechenden Milieus. Aus Bayern war es zunächst noch nicht bekannt. Die Fachberatungsstelle „Jadwiga“ für Opfer von Menschenhandel will zur Sicherheit einen dreisprachigen Flyer verbreiten, der auf Gefahren hinweist und Verhaltenstipps gibt.

Und wie sieht insgesamt medizinische und psychologische Versorgung aus? Schließlich kommen viele Geflüchtete mehr oder weniger direkt aus dem Bombenhagel. Sie haben vielleicht sogar gesehen, wie ihre eigene Wohnung oder Elternhaus in Flammen aufging.

Jenseits der ersten Hilfe

Seltsam unberührt davon nur einige Mädchen im Kindergartenalter, die mitten im Saal spielen – ganz versunken, als wären sie nicht mitten im Auge des Sturms. Wie und wann werden sie in den Kindergarten oder die Schule gehen können – so ganz ohne Deutschkenntnisse? 

Natürlich sicherte auch die Präsidentin des bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes, Simone Fleischmann, den geflüchteten Kindern aus der Ukraine Unterstützung zu. Zugleich warnte sie aber auch vor zu hohen Erwartungen trotz der großen Hilfsbereitschaft unter den Lehrkräften. Doch werden die Kräfte genügen, um allen gut Deutsch beizubringen?

Doch die spielenden Kinder im Heilig-Geist-Haus sind erst einmal angekommen. Wahrscheinlich ist dies Chaos dort nichts im Vergleich zu dem, was sie in den letzten Tagen erlebt haben. 

Und wenn es sich lichtet? Wie werden die Menschen in Sabine Arnolds Projekten dann noch miteinander sprechen können? Sie weiß um Ideen, die ukrainisch-sprachigen Menschen in eigenen Projekten zu sammeln. „Ich will aber keine eigene Blase aufmachen.“ 

Das „Wegschweigen“ würde vieles nur verschlimmern – auch wenn Menschen aus der Ex-Sowjetunion gerade darin Meister seien. Dazu passt, dass Bekannte aus der Ost-Ukraine, die schon einige Zeit in Deutschland leben, meinten: „Ich sage jetzt sehr ungern, woher ich komme.“ Sie seien doch keine Separatisten! „Wir haben uns nie um den Konflikt in der Ost-Ukraine gekümmert“, ergänzt Arnold. 

Russisch ist in den meisten Projekten der SinN-Stiftung von Sabine Arnold Umgangssprache. Doch sie hat längst nicht nur Sorge um den Zusammenhalt dort: „Wir müssen sehen, dass uns die Gesellschaft nicht auseinanderfällt.“  

Die große Familie mit den sieben Kindern jedenfalls konnte schon in dieser Nacht aus der Unterkunft in der Berthold-Brecht-Schule, die aus allen Nähten platzt, in ihre neuen vier Wände umziehen. Es sind zehn Personen von Hunderten – eher inzwischen Tausenden.