Lichtträger durch die Jahrhunderte

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Engelleuchter im Germanischen Nationalmuseum aus der Zeit um 1500
Engelleuchter im Germanischen Nationalmuseum aus der Zeit um 1500 (von links): Kniender Engel mit lockigem Haar aus der Frauenkirche. Zwei Leuchterengel auf „Wolken“, an denen sich Leuchterstangen befestigen ließen. Engel als Bekrönung einer Prozessionsstange. Fotos: GNM

Engelleuchter im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg entstanden um 1500

Sie brachten Licht ins Dunkel der Kirchen: Engelleuchter aus der Zeit der Epochenwende kurz vor der Reformation sind gerade in Nürnberg gut belegt. Und von dem Patrizier Anton II. Tucher ist eine Stiftung von Kerzen gerade zur Weihnachtszeit aus den Jahren 1509 bis 1515 überliefert. Das erklärt Dr. Markus T. Huber, Sammlungsleiter in der Abteilung „Skulptur bis 1800 sowie Bauteile und historisches Bauwesen“ im Germanischen Nationalmuseum.

Denn gerade in der finstersten Zeit des Jahres fehlte es auch in den spätgotischen Kirchen an Tageslicht. Auch jetzt in der Epiphaniaszeit gewinnt die Sonne erst wieder ganz langsam Raum gegen die Dunkelheit. Am 6. Januar haben wir nicht nur den Dreikönigstag gefeiert, sondern auch die „Erscheinung des Herrn“. Und zu dieser Gegenwart Gottes zeigen die spätmittelalterlichen Engelleuchter einen ganz besonderen Bezug.

In der Sammlung des Germanischen Nationalmuseums (Foto links) etwa findet sich ein knapp 70 Zentimeter großer kniender Engel aus der Frauenkirche. Seine Anblick könnte an manche Skulpturen des Nürnberger Holzschnitzers Veit Stoß erinnern, gibt Markus Huber zu.  Doch ein direkter Zusammenhang mit dem berühmtesten Bildschnitzer Nürnbergs besteht nicht. Sicherlich kannten sich die Künstler auch damals …

Die beiden nach vorn gestreckten Hände umfassten ursprünglich auf zwei verschiedenen Höhen den Fuß und den Schaft eines Leuchters. Der Engel gehört zu der Serie von zwölf „Kollegen“ auf den Chorfensterbänken der Nürnberger Frauenkirche. Im 19. Jahrhundert gab es dann 18 von ihnen. Sie erhellten den Chorraum an hohen Festtagen. 

Gekleidet ist er in der Tracht des Diakons. So erscheint er direkt als Helfer des himmlischen Gottesdienstes. Die Ausbuchtung an seinem Rücken sind zwei kleine Löwenköpfchen am Rücken. Dort hingen einst Troddeln. Auch dies gehöre zur zeitgenössischen liturgischen Gewandung eines Diakons, so Huber. Zu ihren traditionellen Aufgaben gehörte der Kerzendienst. 

Anstrahlen des Herrn

Einen besonderen Bezug der Gottesboten sieht der Kunsthistoriker zum Abendmahlsgeschehen. Während der Eucharistie an der Wende zur Neuzeit war es für die Gemeinde besonders wichtig, die Hostie zu schauen. Denn von den Gläubigen eingenommen wurde sie nur selten – meist zu Ostern. Der Blick auf sie reichte ansonsten völlig aus. Dazu war sie besonders beleuchtet. Und in Ermangelung elektrischen Lichts stand sie im Brennpunkt mehrerer besonders sorgfältig gestalteter Kerzen, so dass ihre Gegenwart fast überirdisch erstrahlte.

Dazu dienten wohl ebenfalls die zwei ursprünglich auf Leuchterstangen aufgesteckte halbfigurige Engel, die sich aus Wolkensäumen erheben (Mitte), wie es das Germanische Nationalmuseum dokumentiert hat. Weiter: „Befestigungsspuren in ihren Rücken belegen, dass sie ursprünglich Flügel besaßen.“ Auch diese Himmelswesen tragen die damals übliche liturgische Kleidung des Diakons. 

Sie sind rund 30 Zentimeter hoch und stammen aus der Zeit um 1470/80. Ursprünglich waren sie bemalt und vergoldet, Farbspuren finden sich noch auf ihren Körpern. In den Stirnreifen steckten wohl ursprünglich Schmuckelemente. Sie ließen sich auf Stäbe stecken – so dass sie auch die Hostie bei Prozessionen, etwa zu Fronleichnam, begleiten und beleuchten konnten. „Die Engel nehmen Bezug auf die alttestamentliche Überlieferung: Im Tempel von Jerusalem flankierten zwei Cherubim das Heiligtum des Volkes Israel“, so dass Germanische Nationalmuseum.

Eine ähnliche Funktion hatte wohl auch der rechte Engel. Er stammt ursprünglich aus dem Kölner Raum und ist wieder mit Knauf fast 60 Zentimeter hoch. Ihm sind als einzigen die Flügel durch den Lauf der Zeiten geblieben. Er trägt ebenfalls die liturgischen Gewänder des Diakons. Die detailreich gestalteten Schwingen, Frisur und Gewand „belegen Beobachtungsgabe und Erfindungsreichtum des Schnitzers“.

Andere Engel trugen auch Glöckchen, die mit beweglichen Armaturen bei der Wandlung erklingen konnten, so Markus Huber weiter. Für Paris und Rouen sind eucharistische Engel bekannt, die über dem Hauptaltar hingen und während der Messe dem Priester die Hostie brachten – er musste sie nur noch weihen.

Nach der Reformation?

Und was geschah nach der Reformation mit ihnen, die in Nürnberg ja nur kurz nach der Entstehung dieser Engel stattfand? Sie dienten mit ihren Kerzen weiterhin zur Beleuchtung. Schließlich waren sie meist von Familien gestiftet, die immer noch in der Frankenmetropole Macht und Geld hatten.

Die Gottesboten hatten enge Verbindung zur „Klarheit des Herrn“ (Lukas 2, 9) – waren sie doch Lichtwesen. Doch war es noch ein weiter Weg zum Lichterengel aus dem Erzgebirge. Bilder des Nürnberger Rauschgoldengels erschienen um 1790. Um 1860 kamen erschwingliche Kerzen auf – die Engel als Lichtträger konnten sich vermehren und fanden Eingang in viele private Häuser. 

Weitere Informationen unter https://gnm.de, dort etwa Darstellung der aktuellen Besuchsmöglichkeiten.