Mein Senfkorn einpflanzen …

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Andacht im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern

Andacht im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern vom Liedermacher und Pfarrer Johannes Roth

„Alles Große muss ganz klein beginnen, ganz unscheinbar klein, muss erst wachsen, Kraft gewinnen und gedeihen. Wie ein Senfkorn in der Erde reift, ganz unscheinbar klein, kann der Glaube langsam wachsen und gedeihen …“

Während eines Liederabends ließ ich im Publikum eine Schale mit Senfkörnern herumgehen. Man durfte sich ein Korn nehmen, es betrachten während ich vom Senfkorn singe und an Jesu Worte anknüpfe: „Das Himmelreich gleicht einem Senfkorn …“

(aus Lukas 17, 5–6)

Winzig klein, unscheinbar und leicht zu übersehen ist das Senfkorn, das in den Händen der Zuhörer hin und her kugelt. Dass die Senfkörner im Orient nochmals viel kleiner sind, erzähle ich meiner Sangesgemeinde. Vielleicht wurden sie ja damals auch ausgeteilt, als Jesus einfach, bildreich und unmittelbar verständlich seine Zuhörer in den Bann zog. Das winzige Korn und der gewaltige Baum. Der kleine Anfang und das fulminante Ende, Schatten inklusive, bei 45 Grad Celsius, wie aktuell bei mir in Dubai – lebensrettend. Es sind Hoffnungsbilder, ja visionäre Verheißungen von dem, was Gott dereinst schafft und ermöglicht. Jesus führt uns mitten in die Königsherrschaft Gottes hinein, die „unsichtbar sich um uns weitet“ wie Bonhoeffer sagt. Und es ist, als höre ich Jesus zwischen den Zeilen sagen: „Unterschätzt mir bitte (um Gottes Willen) Gottes großartige Möglichkeiten nicht!“

Und wie oft tun wir genau das, wenn wir uns die vielen kleinen (Neu-) Anfänge, Schritte, Projekte, auch die Rückschläge, Irrwege, Sackgassen, unser Scheitern vor Augen halten. So wenig meinen wir von Gottes Macht, seiner Gegenwart,  geschweige denn von  seinem großartigen Reich zu spüren. Viel mehr fühlen wir uns der sengenden Hitze der Hiobsbotschaften ausgesetzt.

 „Weil in allem Anfang Hoffnung lebt auf Wachsen und Gedeihen, wächst ein großer Baum der Schatten wirft, für alle, Groß und Klein,“ singen alle dann im Refrain.

Ja, Gott macht uns Mut, malt uns Bilder der Hoffnung vor Augen, lässt uns vom Ziel her glauben, vom Superlativ seiner Gegenwart her denken. Anfänge sind schwer und holprig, wie wir alle wissen, schmerzhaft allemal. Doch Gott wirkt unsichtbar, geheimnisvoll im Leben seiner Kinder, in der weltweiten Gemeinde, überall. Die Dynamik des Wachstums ist unaufhaltsam.

Ich singe weiter: „Was du nie geglaubt und nie gehofft, kann schon bald geschehen, sind ja Wunder in der Stille kaum zu sehen. Manches Kleine scheint oft viel zu klein, um was wert zu sein und so manches Große lebt von seinem Schein.“

Rückläufige Zahlen in der Gemeindestatistik, ausgefallene Andachten, Gottesdienste, Jubiläen. Gebotene Distanz, ängstliches Fernbleiben in Alltag und Gemeinde, auch Vereinsamung, die man gar nicht ernst genug nehmen kann, kommen dazu. Dennoch liegt Wert und Würde, ja ein Hauch von Wunder in den noch so unscheinbaren Begegnungen unserer Tage. „Trau‘ dem kleinen Senfkorn in der Hand, ist es noch so klein, gib ihm seine Chance zum Wachsen, pflanz‘ es ein. Hab‘ Geduld, hab‘ Glauben und Vertrauen, gib dem Wachsen Zeit und sei dann für Gottes Wunder auch bereit.“

Aus Gottes Senfkorn ist längst ein universaler Baum der Liebe, des Friedens, der Versöhnung geworden, den wir mit eigenen Augen oder digital vermittelt, inmitten einer hochgerüsteten und zugleich verunsicherten wie gefährdeten Welt erfahren können. Gott sei Dank. Ich bin aufgerufen mein Senfkorn, meinen Glauben, mein Engagement für Gott, Familie, Gesellschaft immer neu mit Gottes Hilfe einzupflanzen, einzubringen, gerade in diesen Zeiten. 

Pfarrer Johannes Roth, Dubai

Lied 98: Korn das in die Erde