Über den Umgang mit Täuschungen

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Editorial von Susanne Borée, Redakteurin und Chefin vom Dienst beim Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern

Editorial von Susanne Borée im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern über eine Leserreaktion

Das Editorial zum Hören:

Und zum Nachlesen:

„Sein und Schein“: So lautet das Motto des Tags des Offenen Denkmals. In diesem Jahr soll er wieder in Präsenz, aber auch mit digitalen Elementen am 12. September stattfinden. Wie können Tricks und Kniffe in der Architektur den Blick weiten? Oder edlere Baumaterialien vortäuschen als sich die Bauherren leisten konnten?

Erst lange nach der Auswahl dieses Mottos bewegten auch die Denkmalpflege „die dramatischen Folgen der Flutkatastrophe. Die betroffenen Regionen sind traditionell geprägt durch ihre historische Bausubstanz, sie bildet für die Bewohnerinnen und Bewohner gleichermaßen Heimat und wirtschaftliche Grundlage“, so Steffen Skudelny als Vorstand der Deutschen Stiftung Denkmalschutz. Auch die Flut legte gerade klimatische Fehlentwicklungen bloß, die lange übertüncht wurden. Krisen sollten Wendepunkte sein, die enthüllen.

„Enttäuscht“ zeigte sich da ein Leser unseres Sonntagsblattes. Er sprach auf unsere Mailbox, die ich direkt nach meinem Urlaub abhörte. Er wollte ausdrücklich seinen Namen nicht nennen – bedachte aber nicht dabei, dass er noch nicht einmal seine Rufnummer unterdrückt hatte. So war es leicht, die Nummer mit einer Person zu verbinden. Trotzdem ist auf diese Weise einem hilfreicheren Gespräch jegliche Grundlage entzogen – zumal er seine Kritik so pauschal formulierte, dass sich wenig daraus lernen lässt. Schade. 

Ich bin auch über so manches enttäuscht – etwa über den schwächelnden Sommer in diesem Jahr. 

Dabei galt der Begriff „Enttäuschung“ lange Zeit als positiv: eine Täuschung zu beenden, die Schleier wegzuziehen. 

Auch viele Veranstaltungen des Denkmaltages bemühen sich darum, Illusionen zu entlarven. Da geht es nicht nur um historische Augenwischerei. Digitale Modelle von Denkmälern können etwa bei ihrer Rekonstruktion nach Katas-trophen helfen. Andererseits zeigen sie „einen fotorealistischen Raum, der bis ins kleinste Detail ausgearbeitet ist. Es existieren keine Lücken und Brüche; das, was man sieht, wird als historisch korrekt und real wahrgenommen und verändert“, heißt es auf der Seite des Denkmaltages https://www.tag-des-offenen-denkmals.de.

Wollen wir im Sonntagsblatt täuschen – heile Fassaden vorgaukeln, wo Brüche sind? Dann lieber enttäuschen, auch wenn eine detailreichere Kritik für zukünftige Planungen sicher hilfreicher gewesen wäre.