Zusammenspiel voller Zumutungen

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Augsburger Kirche „Zu den Barfüßern“ mit Franziskus-Porträt
Die Augsburger Kirche „Zu den Barfüßern“ wurde von Franziskanerbrüdern erbaut. Der Schlussstein im Kreuzgang zeigt den Ordensgründer Franz von Assisi.  Foto: Evang.-Luth. Kirchengemeinde Zu den Barfüßern

800 Jahre Ankunft der Franziskaner in Deutschen Landen – ein Vorbild des Christentums?

Möchte ich ihn persönlich gekannt haben? Franz von Assisi scheint durchaus ein eher schwieriger Mensch gewesen zu sein. Weniger ein romantischer Heiliger, der mit den Tieren sprach und zum charismatischen Vorbild der „Blumenkinder“ aufstieg als ein rigoroser Verfechter seiner Ideale.

Doch seine neue Armutsbewegung traf „einen Nerv der Zeit“, erklärt Martin Kaufhold, Professor für mittelalterliche Geschichte an der Universität Augsburg. Dort sind Franziskaner zuerst vor 800 Jahren auf dem heutigen deutschen Boden nachweisbar.

Franz von Assisi (1181/2–1226) lehnte Besitz und Anerkennung strikt ab. Martin Kaufhold beschreibt im Zoom-Gespräch mit dem Evangelischen Sonntagsblatt eindrücklich, wie Franz seine Mitbrüder zwang, ein ihnen geschenktes Haus in Bologna wieder zu verlassen. Dabei war es doch gerade zu einer Zufluchtsstätte für die kranken Weggefährten geworden! Über diese Rücksichtslosigkeit schüttelte sogar der Kardinal Ugolino von Ostia, der spätere Papst Gregor IX. und ein Schutzherr des neuen Ordens, unwillig den Kopf: Er ließ das Haus kaufen und stellte es den Brüdern weiter zur Verfügung. Damit wurde diese Idee „zum Vorbild für alle weiteren Schenkungen“, so Kaufhold.

Als „ein Gipfeltreffen“ bezeichnen Martin Kaufhold und sein Kollege Mathias Franc Kluge in ihrem Mittelalter-Podcast zu diesem Thema das Zusammentreffen zwischen Franz und dem Papst Innozenz III. im Jahr 1209 – auch wenn die Zeitgenossen dies wohl nicht so wahrnahmen. Sowohl das Papsttum als auch der neue Orden profitierten von ihrem Weg zu einem neuen Zusammenspiel. Die Franziskaner brauchten keine Verfolgungen der Kirche fürchten wie so viele Gemeinschaften dieser Zeit, die eine neue christliche Besitzlosigkeit und Bescheidenheit forderten. Auf die offizielle Kirche konnte ein wenig dieser Begeisterung abfärben, die Franziskanern allerorten entgegenschlug.

Zusammenspiel mit Kompromissen

Dies Zusammenspiel ging nicht ohne Zumutungen. Da waren Kompromisse gefragt: Über die Entwicklung seines Ordens scheint aber Franz nicht begeistert gewesen zu sein. In seinem Testament etwa mahnte er seine Brüder an den Pfad der Armut und Bescheidenheit. Doch Gregor IX., Papst ab 1227, erklärte dies kurzerhand zu dessen Privatmeinung.

Sich Franz von Assisi möglichst ungefiltert zu nähern, das sollte schon bald schier unmöglich werden. Denn einer seiner Nachfolger, Bonaventura (1221–1274), ließ eine Generation später frühere Werke vernichten und ein „einheitlich geordnetes Franziskusbild“ verbreiten. Dies sollte alle Streitigkeiten im Orden um die richtige Armutspraxis und Demut ein für alle Mal beenden. Doch auch die kommenden Generationen zerstritten sich darüber, ob christliche Armut oder Gehorsam wichtiger sei.

Gleichzeitig verbreitete sich die Bewegung der Franziskaner fast explosionsartig in Europa. „Die Franziskaner waren nicht ortsfest, sie zogen umher, von Konvent zu Konvent“, so Kaufhold. Praktisch jede Stadt nahm sie begeistert auf. 

Die Geschichte, dass zunächst Franziskaner aus deutschen Landen vertrieben wurden, war schon bald von der Wirklichkeit überholt: 1221 fassten sie in Augsburg Fuß. Um 1250 gab es allein im Deutschen Reich weit mehr als hundert Franziskanerkonvente.

Anders als in den meisten Orden blieben die Brüder nicht ihr gesamtes Leben an einem Ort, sondern sollten gerade alle paar Jahre ihren Wirkungsort wechseln. „Es entstand ein barfüßiges Netzwerk bewegter und mitunter brillanter Geister. Die Franziskaner transportierten Vorbilder und Ideen, sie stritten über das richtige Leben und inspirierten viele Menschen“, so Kaufhold.

Bald schon hatten alle Franziskaner Priester zu sein, um überall predigen zu können. Und das, obwohl Franz von Assisi Laie geblieben war – obwohl ein wenig gebildet. Die franziskanische Wendung zur Seelsorge war völlig neu, so Kaufhold. Zuvor sei das Christentum „eine Eliten-Veranstaltung“ gewesen. Auch die neue Frömmigkeit erreichte meist die zehn Prozent der Bevölkerung, die in den Städten lebten.

Denn bisherigen Gemeindepriester hatte es vielfach genügt, ihre liturgischen Pflichten halbwegs zu erfüllen. Oft waren sie wenig gebildet und brachten kaum Berufung mit – sondern waren als jüngere Söhne zu versorgen. Da gab es kein Mitleid für sie. Die charismatische Konkurrenz fegte über sie hinweg. 

Die Bevölkerung honorierten die Franziskaner in ihren Testamenten – eine wichtige Einnahmequelle von Gemeindepriestern. Hatten nicht Franziskaner in ihrer Strenge einen direkteren Zugang zum Himmel und konnten sich so besser für das Seelenheil der Verstorbenen einsetzen? Jedenfalls aber hatten sie direkteren Zugang zur Kirchenspitze, die wie in Bologna ihren Besitz verwaltete. Andererseits bedeutete wachsender Besitz auch weniger Ähnlichkeit mit dem Beispiel Jesu.

Der Anspruch des Franz von Assisi

Dies war schon Franz wichtig gewesen. Zwölf Gefährten sollen ihn zu seinem Treffen mit Papst Innozenz begleitet haben. Seine direkten Kontakt zu wilden Tieren lassen sich nicht nur ökologisch deuten. Nein, er befriedete die Schöpfung – wie der Prophet Jesaja es für das Friedensreich vorsieht, in dem die wilden Tiere gezähmt sind (Jes. 11, 6). War nicht sein langes Leiden am Lebensende eine Art Passion für Franz von Assisi? Vor seinem Tod soll er gar die Wunden Jesu am Kreuz empfangen haben. Das bedeutete  einen ungeheuren Anspruch. Selbst Gregor IX. schüttelte zunächst wieder den Kopf. Es brauchte erst passende Träume für ihn, obwohl gerade er die Chancen der Armutsbewegung erkannte.

Die Franziskaner verstanden sich auf eindrucksvolle Bilder. Schon Franz ließ zuerst die Krippenszenen bildlich darstellen, auf ihn gehen die Kreuzwege zurück. Die Passion Jesu gewann neue Wirkung. Dies jedoch mit Nebenwirkungen. Nun dachten viele Menschen über die angeblichen Verursacher des Leidens nach. „Schlimme antijüdische Predigten“ entdeckt Kaufhold bei Franziskanern wie Bernhardin von Siena. 

Und der Historiker schließt: Der franziskanische „Eifer war nicht frei von Zumutungen.“ Er „brachte den Anspruch eines authentischen christlichen Lebens in die städtische Welt. Es war eine Welt im Aufbruch, und die Franziskaner erhoben diesen Aufbruch zu ihrem Programm.“ Bewegend, aber auch anstrengend. 

Mehr zum Jubiläum in Augsburg: https://www.barfuss-im-herzen-der-stadt.de 

https://barfuss-im-herzen-der-stadt.de/grusswort-prof-dr-martin-kaufhold

https://barfuss-im-herzen-der-stadt.de/archiv/externe-medienveroeffentlichungen

Der Podcast zur Franziskaner-Vorlesung findet sich unter https://www.uni-augsburg.de/de/fakultaet/philhist/professuren/geschichte/mittelalterliche-geschichte/lehre_studium/podcasts-digitale-vorlesungen/ (Weit nach unten scrollen, da dort auch viele weitere Stücke zur Mittelalter-Geschichte abrufbar sind.)

Am 15. und 16. Oktober sind zudem die „Tage der Mittelalterforschung“ in Augsburg der Ankunft der Franziskaner gewidmet. Mehr Infos im Herbst: https://www.mittelalter-augsburg.de