Glaube an Kraft der „Stärkeren im Geiste“

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Porträt von Sophie Scholl für Multimedia-Schau zum Gedenken an Luthers Auftritt auf dem Reichstag zu Worms
Projektion eines Sophie-Scholl-Porträts für die Schau zum 500. Jahrestag von Luthers Auftritt in Worms an der Dreifaltigkeitskirche.Foto: epd/F

Welche Bedeutung die Suche nach religiöser Zuversicht und Gott für Sophie Scholl hatte

Evangelisch getauft, konfirmiert und begraben: religiös anscheinend ein ganz normaler Lebenslauf – auch für Sophie Scholl. Doch mit gerade einmal 20 Jahren rang die junge Studentin um eine tiefere Beziehung zu Gott. Ihr Glauben war grundlegend für ihren Widerstand – doch sprengte er traditionelle kirchliche Formen.

„Es geht, wie Gott will.“ Das war das Lebensmotto der Mutter Magdalena (Lina) Scholl. Dies zeigt eher totales Vertrauen zu Gott und weniger Schicksalsergebenheit. Bis zur Heirat war sie Diakonisse in Schwäbisch Hall und pietistisch geprägt.

Robert M. Zoske hat sich in seiner aktuellen Biographie Sophie Scholls intensiv mit ihrem Seelenleben beschäftigt. Dazu lagen ihm zahlreiche Briefe und Tagebucheinträge Sophie Scholls vor. Jakob Knab hielt knapp drei Wochen vor ihrem 100. Geburtstag am 9. Mai den Online-Vortrag über „Das christlich-ökumenische Vermächtnis von Sophie Scholl“ für das Evangelische Haus der Begegnung in Ulm sowie die Katholische Erwachsenenbildung dort.

Der katholische Theologe stellte in dem aktuellen Online-Vortrag Gedanken aus der 2018 erschienenen Biografie „Ich schweige nicht: Hans Scholl und die Weiße Rose“ zum 100. Jahrestag des Bruders dar.

Denn in Ulm wuchs Sophie Scholl ab 1932 auf, nachdem der Vater Robert Scholl in Forchtenberg 1929 als Bürgermeister abgewählt worden war. Gegen den Willen der Eltern, die der Massenbewegung der Nazis misstrauten, begeisterten sich gerade Hans und Sophie für die Hitlerjugend. Sie erlangten bald Führungspositionen. Am Palmsonntag 1937 ging Sophie Scholl in Uniform des „Bundes deutscher Mädel“ zur Konfirmation – obwohl das ungewöhnlich war. Sie blieb beim BDM länger als üblich, obwohl ihre Geschwister schon Ärger mit den Nazis hatten.

Briefwechsel mit Fritz Hartnagel über Gewissensfragen

Ende 1937 lernte Sophie Scholl den um vier Jahre älteren Fritz Hartnagel näher kennen. Er wollte Offizier werden. So trafen sie sich nur selten. Umso wichtiger ist ihr Briefwechsel, der immer mehr auch Gewissensfragen betraf. 1945 heiratete Hartnagel Sophies ältere Schwester Elisabeth, die erst 2020 verstarb.

Nach dem Abitur im Frühjahr 1940 suchte Sophie weiter nach Freiräumen und Lebenssinn. Dies bereits während ihrer einjährigen Ausbildung zur Kindergärtnerin am evangelischen Fröbelseminar.

Schon vorher trafen sich die Scholls mit Otto (Otl) Aicher und einem katholischen Gesprächskreis. Sie lasen Augustinus. Knab sieht einen Wandel zum Beginn von Sophies Reichsarbeitsdienst am Karfreitag 1941: „Der so seltsam ferne, gleichmütige Himmel machte mich traurig. Oder die vielen lachenden Menschen, die so beziehungslos zu dem Himmel waren.“ Sie suchte neue Geborgenheit, zweifelte aber an dem Weg dorthin. Sie wollte so gern einmal in die Kirche, doch befürchtete sie im evangelischen Gottesdienst „kritisch den Worten des Pfarrers“ zu lauschen.   

Ringen um Gottes Nähe

Auch während dieses Jahres beim Reichsarbeitsdienst las sie trotz der harten Arbeit intensiv – und rang in ihren Briefen und Tagebuchnotizen um Gott. Sie schrieb, „gegen die Dürre des Herzens“ helfe „nur das Gebet, und sei es noch so arm und klein. Ich bin Gott noch so ferne, dass ich ihn nicht einmal beim Gebet spüre. Ja manchmal, wenn ich den Namen Gott ausspreche, will ich in ein Nichts versinken.“ Immer wieder zitiert sie ihr Lebensmotto: „Man muss einen wachen Geist und ein weiches Herz haben.“

Ihr Bruder Hans, der schon seit April 1939 in München Medizin studierte, führte seine jüngere Schwester Sophie in seinen Freundeskreis ein. Ende Juni und Anfang Juli 1942 verteilten Hans Scholl und Alexander Schmorell die ersten vier Flugblätter. Doch davon wusste Sophie noch nichts. Sie beschäftigte sich in Vorlesungen und privat mit dem Ursprung des Bösen in der Geschichte und menschliche Verantwortung. 

Sophie schrieb zu dieser Zeit an Fritz Hartnagel: „lieber unerträglichen Schmerz als ein empfindungsloses Dahinleben. Lieber brennenden Durst … als eine Leere zu fühlen, … ohne eigentliches Gefühl.“ Kurz danach notierte sie: „Wie ein dürrer Sand ist meine Seele, wenn ich zu Dir beten möchte, … gib mir die Unruhe, damit ich hinfinden kann zu einer Ruhe, die lebendigt ist in Dir.“ Hier zeigt sich der Einfluss Augustins, doch nicht zwingend ein katholischer Weg, wie Knab meint.

„Stärkere im Geiste“ anstatt Sozialdarwinismus

Fritz Hartnagel berichtete ihr von einem Disput, bei dem Kameraden den „Kampf Volk gegen Volk, die Unterdrückung oder Vernichtung des Schwächeren ein Gesetz der Natur und deshalb gut“ nannten. 

Neben ihrem Entsetzen gegen diese Mitleidlosigkeit, die führende Nazis ausdrücklich forderten, antwortete Sophie am 28. Oktober 1942 auch mit allen ihren religiösen Überzeugungen: Zunächst einmal erklärt sie, dass die Schöpfung mit dem Sündenfall von Adam und Eva auch gefallen und nicht mehr vorbildhaft sei. Die 21-jährige Nichttheologin zitiert mehrere Verse aus dem Paulusbrief an die Römer 8: Auch die Schöpfung hat Hoffnung, sich „von der Knechtschaft der Vergänglichkeit zu der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes“ zu entwickeln. Und dann verwies sie ihn auf Römer 8,1: „Denn das Gesetz des Geistes, der da lebendig macht in Christus Jesus, hat mich frei gemacht von dem Gesetz der Sünde und des Todes.“ Endlich kommt Sophies wichtigster Satz: „Ja wir glauben auch an den Sieg der Stärkeren, aber der Stärkeren im Geiste.“

Geistige Freiheit der Gläubigen aller Konfessionen

Die geistige Freiheit betonte sie auch bei der Vernehmung wenige Monate später. Sophie nannte als „hauptsächlichsten Grund“ für das Verteilen der Flugblätter, dass „nach meiner Auffassung die geistige Freiheit des Menschen in einer Weise eingeschränkt wird, die meinem inneren Wesen widerspricht.“ Sie hoffte zuversichtlich: „Was liegt an meinem Tod, wenn durch unser Handeln Tausende von Menschen aufgerüttelt und geweckt werden.“

Oder wollten Hans und Sophie kurz vor ihrer Hinrichtung zum katholischen Glauben übertreten? Hans hoffte zunächst, dem Freund Christoph Probst so beim Abendmahl nahe zu sein. Doch das war sowieso verboten. Aber sind das nicht Äußerlichkeiten nach den bisherigen Notizen Sophies? Die „Weiße Rose“ bestand aus gläubigen Mitgliedern aller Konfessionen.

Die Eltern konnten nur noch zehn Minuten ihre Kinder sehen. Der Vater umarmte sie und meinte: „Ihr werdet in die Geschichte eingehen.“ Die Mutter schreibt später über große Nähe. Sie habe Sophie noch daran erinnert, mit Jesus unterwegs zu sein. Und die Tochter antwortete: „Ja, aber Du auch.“ Sie fand wohl Frieden. Susanne Borée

Robert M. Zoske; Sophie Scholl: Es reut mich nichts. Propyläen-Verlag 2020, 448 S., 24 Euro, ISBN 978-3-549-10018-9. Zitate nach diesem Buch.

Weitere digitale Veranstaltungen in Ulm zu Sophie Scholl:

09.05.2021 |  Gottesdienst um 10:00 Uhr in der Martin-Luther-Kirche als Live-Stream.
Am historischen Ort der Martin-Luther-Kirche  feiern wir einen Gedenkgottesdienst anlässlich des 100. Geburtstages von Sophie Scholl. Der Gottesdienst wird von Prälatin Gabriele Wulz und Pfarrerin Britta Stegmaier gestaltet.

Der Gottesdienst im Münster um 18 Uhr findet nicht statt.

09.05.2021 | Vortrag und Podiumsdiskussion: https://hdbulm.de/Veranstaltung/sage-nicht-es-ist-fuers-vaterland-vortrag-mit-anschliessender-podiumsdiskussion/?instance_id=5318