Glauben und Gehorsam – was galt?

175
Heilige mit Gebetsgestus. Calixtus-Katakombe Rom, um 300.Foto: akg
Heilige mit Gebetsgestus. Calixtus-Katakombe Rom, um 300.

Die ersten Christinnen zwischen strengen Forderungen und großer Vorbildfunktion

Dem Apostel Paulus lagen die Frauen am Herzen: Er empfahl am Ende seines Römerbriefes der Gemeinde dort mehrere Mitstreiterinnen und Mitstreiter. Darunter auch „unsere Schwester Phoibe, die Dienerin (diákonos) der Gemeinde in Kenchreai ist“. Kurz darauf bekannte er: „Denn auch sie war für viele ein Beistand (próstatis), auch für mich selbst“ (Römer 16,1 f.). Dieses Wort kann genauso „Vorstand, Vorsteherin“ heißen. Es zeigt ihre Bedeutung. Und die Schwierigkeiten des Apostels, dies in Worte zu fassen.

Dennoch nennt er in den folgenden Versen mehrere Frauen, darunter auch Iounia. Spätere Abschreiber machten sie durch eine kleine Akzentverschiebung zu Iounias, einem Mann. „Heute gibt es – unter anderem durch eine frühe Übersetzung ins Koptische – starke Argumente dafür, dass hier tatsächlich von einer angesehenen Frau unter den Christen die Rede ist“, so Hartmut Leppin. In seinem aktuellen Standardwerk „Die frühen Christen“ geht er Wegen nach, wie sich die Gemeinden vor der Konsolidierung des Christentums entwickelten. Auch Prisca, die wohl eine Lehrfunktion hatte, nennt er vor ihrem Mann Aquila (Römer 16,3–7).

Den Frauen kommt im frühen Christentum eine große Bedeutung zu. Als Asketinnen und Märtyrerinnen konnten sie „wie Männer werden“ und großes Ansehen gewinnen – aber auch als Jungfrauen und Witwen. Das war nicht nur in der Apostelzeit so, sondern es ging um grundsätzliche Fragen: Hatten nicht Frauen zuerst die Auferstehung bezeugt? Hatte Christus nicht die Grenzen der biologischen Existenz und der Herkunft beseitigt? 

„Im 2. und 3. Jahrhundert, gelegentlich noch später, stößt man auf Zeugnisse von Frauen mit Funktionen, die als priesterlich angesehen wurden“, so Leppin weiter. Gerade prophetisch und charismatisch begabte Frauen fanden immer wieder Gehör – nicht nur an den Rändern des entstehenden Christentums.

Doch musste das Konzil in Laodikeia noch nach 350 auch etablierten christlichen Gemeinden die Tätigkeit von Priesterinnen verbieten, so Leppin. Anerkannt war jedoch lange, dass Diakoninnen andere Frauen zu Hause besuchten. Ein Besuch von Männern wäre ja auch unschicklich gewesen! Und Diakoninnen halfen auch bei der Taufe von Frauen mit: Schließlich zeigten sie Haut, wenn sie ins Wasser gingen.

Das Frauen nicht lehren sollten, steht öfter in den Apostelbriefen. Doch in einzelnen frühen Versionen an unterschiedlichen Stellen. Das kann zeigen, dass es erst sekundär eingefügt wurde. 

Jungfrauen und Witwen

Gleichzeitig kam Frauen eine besondere Rolle im Martyrium zu. Immer wieder ist überliefert, dass junge Christinnen lieber in den Tod gingen als in die Ehe. Oder stießen die konkreten Ehemänner, die ja schließlich von den Familien für sie ausgesucht worden waren, auf ein solches Missfallen? 

Die Ungehorsamen waren eine Fehlinvestition für die Familien, da sie ihre Bestimmung nicht erfüllten! Andererseits brauchten Töchter, die nicht heirateten, keine Mitgift. Das sparte den Brüdern richtig Geld. 

Manche Christinnen verpflichteten sich schon früh zur Jungfräulichkeit. Sie durchbrachen damit den Kreislauf des Todes: Wenn sie keine Kinder gebaren, konnten diese nicht sterben. Doch war ihre Sittlichkeit immer gefährdet und musste besonders bewacht werden. Schließlich war alles Weibliche schwach!

„Witwen nahmen schon früh eine Sonderstellung ein, zumal sie teils aufgrund ihres Alters Autorität beanspruchen konnten, in einigen Fällen aufgrund ihres Besitzes, den sie nach Römischem Recht weitgehend eigenständig verwalten durften“, so Leppin. Die meisten Witwen mussten aber eher von den Gemeinden versorgt werden. 

Doch maßen Autoritäten dann ihr Verhalten mit strengen Maßstäben. Leben im Gebet, Gehorsam, Keuschheit und soziale Werke wie Krankenbesuche – das erwarteten sie von ihnen. Tratschen, Gier oder Unzuverlässigkeit war verpönt. Diese strengen Vorgaben können umgekehrt auch bedeuten, dass manche Witwen eigene Wege gingen. Ambivalent war die Haltung ihnen gegenüber, so Leppin. Öfter bestätigten Gemeinden ihre Position mit Zeremonien wie Handauflegen.

Doch unter diesen strengen Vorgaben gewannen Frauen weitere Handlungsspielräume. Sie waren nicht mehr nur als Ehefrauen angesehen oder als Verbindungsglieder von Familien-Allianzen. Dafür verlangten Gemeinde-Autoritäten von ihnen Keuschheit und Gehorsam.

Gott sieht alles

Wenn sich verheiratete Frauen zum Christentum bekehrten, gerieten sie durchaus in eine schwierige Lage – falls nicht mindestens ihr Ehemann wie bei Prisca mitzog. Jesu Ablehnung gegenüber der eigenen Familie galt als Vorbild. Und dies in einer Welt, in der die Zugehörigkeit zu einem Haushalt alles bedeutete! 

Schockierende Berichte gerade von Märtyrerinnen machten unter den ersten Christen die Runde. Etwa von Perpetua, der das Märtyrium wichtiger war als Gehorsam zum Vater. Ja, wichtiger als ihr Baby zu versorgen. Per Wunder konnte sie es allerdings sofort abstillen, so dass es sich anderweitig versorgen ließ.

Die alten Götter in der antiken Welt öffentlich zu verehren oder ihnen gar zu opfern, das war für eine gehorsame Ehefrau in heidnischer Umgebung nur schwer zu umgehen. Auch für Geschäftsleute waren Feiern für Kontakte wichtig. Oder mussten sie dann sämtliche alte Bindungen aufgeben – um eine neue Familie zu gewinnen? 

Immer wieder drohen christliche Texte Geschwistern, die opferten, den Ausschluss vom Abendmahl an, zeigt Leppin. Bei Verweigerung der Opfer durch Einzelne bestand die Gefahr, den Zorn der Götter für alle herauf zu beschwören – ganz zu schweigen von mangelndem staatstragenden Verhalten bei verweigertem Kaiserkult. Doch arrangierten sich für Leppin viele Christen damit anstelle des Martyriums.

Christliche Eheschließungen galten in der Frühzeit als ein sittliches Projekt zweier Individuen – unter den Augen Gottes. Neben dem Ideal der absoluten Treue galt immer wieder die Forderung, nur einmal zu heiraten. Scheidung war in der Frühzeit des Christentums sowieso unmöglich. Aber auch bei Tod eines Partners sollte keine weitere Verbindung mehr erfolgen.

Gerade auf den Frauen lastete da ein großer Druck. Gott (und auch die Gemeinde) sah alles. Doch Frauen scheinen dies zumeist selbst gut geheißen zu haben. Und Bischöfe gerieten selbst unter Druck: Konnte nicht auch von ihnen Ehelosigkeit gefordert sein? Sie hatten eine Autorität zu verlieren. Susanne Borée

Hartmut Leppin: Die frühen Christen. Beck-Verlag 2019, ISBN 978-3-406-72510-4.

=> Wieso eine Frau das Lukas-Evangelium und die Apostelgeschichte geschrieben haben kann