Gott will keine Opfer!

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Andacht im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern

Andacht im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern zur Opferung Isaaks

Und Gott sprach: Nimm Isaak, deinen einzigen Sohn, den du lieb hast, und geh hin in das Land Morija und opfere ihn dort zum Brandopfer auf einem Berge. … (Als sie dort waren,)sprach Isaak zu seinem Vater Abraham: Siehe, hier ist Feuer und Holz; wo ist aber das Schaf zum Brandopfer? Abraham antwortete: Mein Sohn, Gott wird sich ersehen ein Schaf zum Brandopfer. … Da baute Abraham einen Altar und legte das Holz darauf und band seinen Sohn Isaak, legte ihn auf den Altar oben auf das Holz und fasste das Messer, dass er seinen Sohn schlachtete. Da rief ihn der Engel des Herrn vom Himmel und sprach: … Lege deine Hand nicht an den Knaben und tu ihm nichts; denn nun weiß ich, dass du Gott fürchtest und hast deines einzigen Sohnes nicht verschont. 

Aus 1. Mose 22, 1–14

Kaum eine biblische Geschichte wurde so oft zur Rechtfertigung von Unterdrückung benutzt wie diese. Machtmissbrauch wurde mit Glaubenstreue verwechselt. Kein Wunder, dass viele Menschen diese Geschichte nicht mehr lesen wollen. Sie bleibt ein Ärgernis in unserer Schrift und eine Mahnung, genau hinzuschauen, wenn Opfer gefordert werden.

Ich schaue heute auf Isaak, der geopfert werden soll und nicht gefragt wird. Ich sehe Bilder von Kindern in Kriegsgebieten, die jahrelang mit Lügen und Kriegspropaganda gefüttert werden, damit sie am Ende glauben, nur der Kampf und die Bereitschaft, sich für den Sieg zu opfern, sei der einzig richtige Weg. Ein Weg zu Ehre und Ruhm, der von ihnen verlangt wird. Das ist kein Opfer, das ist Machtmissbrauch.

Ich sehe Missbrauchsopfer, die erleben, dass ihnen niemand zuhört. Es gibt eine perfide Art von Tätern, die erstaunlich phantasievoll begründen können, warum Übergriffe und Missbrauch völlig in Ordnung sind. Kinder sollen sich nicht beschweren oder die Wahrheit sagen. Ihr Opfer, ihr Schweigen würde dem Frieden und dem Ansehen dienen. Hier wird die Wahrheit verdreht, als ob das Kind durch sein Reden etwas zerstört und nicht der Täter durch seinen Missbrauch.

Ich sehe die Schöpfung, die geopfert wird, wenn Menschen heute durch ihren Lebensstil mehr Energie und Ressourcen verbrauchen und dafür die Zukunft auf dieser Erde für die nächsten Generationen opfern, weil Menschen nicht verzichten wollen. Man zeigt gerne mit dem Finger auf andere und spielt die eigenen Möglichkeiten herunter.

Andere für die eigenen Interessen zu opfern, das sollte mit der Geschichte von Isaak ein Ende haben. Gott braucht Menschen, die sich von der Not anrühren lassen und nach Lösungen suchen, damit ein gemeinsames Leben möglich wird. 

In der Passionszeit schauen wir auf Jesus am Kreuz. Wir sehen einen Gott, der so deutlich macht, dass er keine Opfer mehr braucht. Wir sehen einen Gott, der uns in den dunklen und schweren Zeiten des Lebens beisteht. Gott selbst ist auf der Seite der Leidenden und Verzweifelten. Diesem Glauben will ich treu bleiben, einem Glauben, der aufrichtet und im Blick auf Ostern Wege der Befreiung sucht und findet. Amen.

Marianne Werr, Pfarrerin in St. Paul, Augsburg Pfersee

und mitverantwortlich für die Vesperkirche