Der helle Schein im Herzen

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Andacht im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern

Andacht im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern zum Licht, das aus der Finsternis hervorleuchtet

Denn Gott, der da sprach: Licht soll aus der Finsternis hervorleuchten, der hat einen hellen Schein in unsre Herzen gegeben, dass die Erleuchtung entstünde zur Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes in dem Angesicht Jesu Christi. Wir haben aber diesen Schatz in irdenen Gefäßen, auf dass die überschwängliche Kraft von Gott sei und nicht von uns. 

Einer der großen Menschheitsträume ist, unbegrenzt Energie zur Verfügung zu haben. Auch ganz persönlich wäre es wunderbar, wenn man unerschöpflich Energie zur Verfügung hätte, um all die Aufgaben und Vorhaben zu verwirklichen, die man gestellt bekommt.

Von einer solchen Energiequelle spricht Paulus, wenn er davon schreibt, dass Gott das Licht in die Finsternis gebracht hat. Von diesem Gott, dem Ursprung aller Energie und allen Lichts, sind wir entzündet mit einem hellen Schein in unseren Herzen – so schreibt Paulus. Nicht irgendjemand, sondern derjenige, der das Licht in die Welt gesandt hat, erhellt die Herzen. Eine größere Autorität für das Licht in unserem Leben und in unserem Inneren kann es wohl kaum geben.

Der Apostel verwendet ganz bewusst dieses starke Bild aus der Schöpfung, um zu verdeutlichen, welche Kraft der helle Schein in unseren Herzen hat. So kräftig das Bild, so ernüchternd der Blick auf die Realität. Meist erleben wir es ganz anders. Wir fühlen uns schlapp, ausgepowert, glaubensschwach, mut- und motivationslos. Hell scheinend und von Erkenntnis erleuchtet zu sein vermissen wir dagegen oft schmerzlich.

Diese Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit ist kein neues Phänomen. Paulus selbst kannte den Zustand der Niedergeschlagenheit, der Frustration und Kraftlosigkeit. Auch bei ihm war das Herz nicht immer von einem hellen Schein erfüllt. Gerade im Zusammenwirken mit der Gemeinde in Korinth traten häufig Konflikte auf, die Paulus belasteten und durch die er oft deprimiert war. 

Doch warum ist und war das so? Sind die ermutigenden von Energie, Licht und Kraft geprägten Sätze nur leere Worte? Die Antwort auf diese Frage gibt Paulus selbst im heutigen Briefabschnitt. Er spricht davon, dass dieser Schatz der Erleuchtung und Erkenntnis in einem „irdenen Gefäß“ sei, also in einem aus Ton gefertigten und somit sehr leicht zerbrechlichen Behältnis. Wir können nicht selbstgewiss behaupten, wir hätten die Erleuchtung und die Erkenntnis oder würden sie ein für alle Mal behalten, wenn wir sie tatsächlich einmal haben sollten. Vielmehr ist die Gefahr groß, dass wir nach Erfolgen, auch nach „Glaubenserfolgen“ nicht nur besonders selbstbewusst werden, sondern gleichzeitig Gottes Handeln und Wirken in unserem Leben weniger vor Augen haben und uns selbst den Erfolg zuschreiben. Aber es gilt im Blick zu behalten, dass „die überschwängliche Kraft von Gott sei und nicht von uns“.

Diese Einsicht des Paulus ist auch die Grundlage für das berühmt gewordene Glaubensbekenntnis Dietrich Bonhoeffers, in welchem er schreibt: „Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage soviel Widerstandkraft geben will, wie wir brauchen. Aber er gibt sie nicht im voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen.“

Das ist das Geheimnis: sich allein auf Gott zu verlassen und nicht die eigenen Leistungen in den Mittelpunkt zu stellen oder sie gar zu überhöhen. Wer darauf den Schwerpunkt setzt, der bringt den hellen Schein im Herzen zum Leuchten, so dass er sichtbar wird. Und der darf erleben und erfahren, was Paulus beschreibt und was uns verheißen ist: kein angstfreies, sorgloses und problemloses Leben; aber ein Leben, das getragen ist von Gottes Liebe und seiner Fürsorge. Ein Leben, das Kraft schöpft aus dieser nicht versiegenden Quelle an Energie, Licht und Leben.

Rüdiger Glufke, Militärdekan