„Das Leben muss weitergehen“

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Mario Göb (rechts) im Gespräch mit der 93-jährigen Nina. Fotos: Christoph Pueschner/Diakonie Katastrophenhilfe
Mario Göb (rechts) im Gespräch mit der 93-jährigen Nina. Foto: Christoph Pueschner/Diakonie Katastrophenhilfe

Mario Göb machte sich für die Diakonie Katastrophenhilfe ein Bild in der Ukraine

Das Baby zuckte zusammen. Dabei wollte Mario Göb es doch zum Lachen bringen. Er klatschte vor dem kleinen Jungen in die Hände. Schließlich hat er zuhause in Berlin auch ein kleines Baby, das auf dieses Klatschen mit Lachen reagiert.

Nicht so bei seinem Besuch in Kiew, das er als neuer Koordinator für die Ukraine von der Diakonie Katastrophenhilfe besuchte. Er sah sich um: In der Wand ließen sich die Löcher von den Artilleriesplittern erkennen. Im Nachbarzimmer waren die Fensterscheiben zerborsten. Das geschah noch während der Schwangerschaft, so die Mutter. Schließlich kam ihr Kind inmitten des Krieges zu Welt. Sie erklärte, dass ihr Baby sehr lärmempfindlich sei. Und dies aufgrund des Artillerieangriffs der ihr Haus zerstörte

Vom 11. bis 20. November war der gebürtige Würzburger Göb, der in Werneck und Schweinfurt aufwuchs, in der Ukraine. Allerdings ist er kein Neuling bei der Diako-
nie Katastrophenhilfe, berichtete er dem Evangelischen Sonntagsblatt im Videointerview. Seit gut fünf Jahren engagierte er sich dort im Projekt-Management und in der Programmkoordination. Zuletzt war er für den Südsudan tätig, bevor er seit Anfang November die Hilfslieferungen für die Ukraine koordiniert. 

In der westukrainischen Grenzstadt Uschgorod erlebte Mario Göb am 15. November hautnah die bis dahin schwersten Luftangriffe auf die Westukraine mit. An diesem Tag ging bekanntlich auch eine Rakete in Polen nieder. In Uschgorod sah Göb an diesem Tag zusammen mit seinen Partnern von der ukrainischen Hilfsorganisation „Vostok SOS“ Unterlagen durch. Diese Hilfsorganisation hatte sich 2014 in der Ostukraine gegründet, verlagerte aber zu Beginn des russischen Einmarschs ihre Strukturen in den Westteil der Ukraine. Vor Ort werden die Hilfsgüter von den Konvois abgeladen, in kleineren Mengen verpackt und weiterverteilt. Das sind vor allem Nahrungsmittel, aber auch Hygieneartikel. 

Bei Mario Göbs Besuch fiel das erste Mal infolge der Angriffe der Strom aus. Sie arbeiteten im Schein der Taschenlampen weiter, bevor der Notstrom ansprang.

Göb traf dort die 93-jährige Nina (Foto rechts), die aus dem Osten der Ukraine stammt. Ihre Familie nahm sie nach Uschgorod mit, kurz bevor ihre Heimatregion von russischen Soldaten besetzt wurde. 

Göbs Zug fuhr gerade im Hauptbahnhof Kiew ein, als auch dort mal wieder der Luftalarm begann. Binnen weniger Minuten fand sich der Projektkoordinator mit den Kollegen der Kiewer Hilfsorganisation und rund 80 anderen Menschen in einer Tiefgarage wieder, die als Luftschutzkeller diente. „Einige haben kurzerhand ihre Konferenz im Bunker fortgeführt. Es muss ja weitergehen, die Arbeit muss weitergehen.“

Die Not hautnah erlebt

Anschließend machte sich Mario Göb ein Bild von der Lage in den ärmeren Vororten. Dort arbeitet die Katastrophenhilfe bereits seit den 1990-er Jahren mit dem „Child Well-being Fund“ zusammen. Doch längst kümmert sie sich nicht nur um Kinder. Gerade die sieben Millionen Binnenvertriebenen benötigen dringend Hilfen. Sie finden kaum Arbeit in den Orten, die sie aufgenommen haben – steht doch ohnehin die Produktion durch die Kriegseinwirkungen vielfach still. Lag die Arbeitslosigkeit im Land vor Kriegsbeginn bei zehn Prozent, so sind es nun 35 Prozent – obwohl viele Männer eingezogen sind.

Außerdem sind die meisten Geflüchteten auch in der Ukraine Frauen mit ihren Kindern. Sie hätten keine Betreuungsmöglichkeiten für ihre Kinder, wenn sie arbeiten würden.

Für diejenigen, die am meisten Hilfe benötigen, verteilt die Diakonie Katastrophenhilefe mit dem „Child Well-being Fund“ Geldkarten. Darauf befinden sich in der Regel umgerechnet rund 60 Euro, mit denen die Familien einkaufen können. „So können sie selbst entscheiden, was für sie das Notwendigste ist“, erklärt Mario Göb. Dieses Projekt allein umfasst eine Million Euro.

Mario Göb sprach mit einer Mutter, die zusammen mit ihrem Fünfjährigen nach Tagen des Bombardements den Luftschutzkeller in einem kleinen Vorort Kiews verließ. Die Region dort war zu Beginn des Krieges umkämpft. Sie hielten es an ihrem Zufluchtsort nicht mehr aus – zusammengepfercht mit vielen fremden Personen, die ihre Nervosität mit Kettenrauchen zu bekämpfen versuchten. Oder unmotivierte Lachkrämpfe bekamen. Die Mutter schlug sich mit ihrem Kind zu Fuß mehrere Kilometer durch das umkämpfte Gebiet durch. Tatsächlich erreichten sie einen sicheren Ort.

Auf seiner Rückreise machte Mario Göb noch vom 21. bis 24. November Station in Polen. Er führte Gespräche mit der dortigen Diakonie, die die anderthalb Millionen Geflüchteten aus der Ukraine im Land mitversorgt. Die Hilfsbereitschaft in Polen beeindruckte ihn tief. Auch hier bekommen Bedürftige Geldkarten, mit denen sie ebenfalls zu einem bestimmten Betrag einkaufen können. Dafür hat die Diakonie Katastrophenhilfe allein rund zwölf Millionen Euro bereitgestellt.

Natürlich sieht er die Gefahr, dass für andere hilfsbedürftige Regionen Geldmittel abgezogen werden – kennt er sich doch gerade in Ostafrika aus. Und im Nebenbüro sitzt die verantwortliche Kollegin für Somalia. „Leider verschärft die Ukraine-Krise jedoch auch den Hunger in Ostafrika. Wir bitten um Spenden für die Ukraine – möchten jedoch ebenso, dass Afrika dabei nicht vergessen wird. Nach UN-Schätzungen werden 2023 weltweit 339 Millionen Menschen auf Nothilfe angewiesen sein – ein trauriger Rekord.“

Trotz seiner aufregenden Erlebnisse plant Mario Göb im Januar wieder nach Kiew zu fahren – obwohl er zwei kleine Kinder hat. Dort will er ein Hilfsbüro aufbauen.

Derweil geht ihm der zweijährige Meron nicht aus dem Kopf, der zusammen mit seiner alleinerziehenden Mutter ein schweres Hilfspaket erhielt. Dafür räumte er seinen Platz im Kinderwagen und stand auf eigenen Füßen. Susanne Borée

Spendenkonto der Diakonie Katastrophenhilfe bei der Ev. Bank: IBAN: DE68 5206 0410 0000 5025 02, BIC: GENODEF1EK1, Stichwort Ukraine. Oder online:

=> https://www.diakonie-katastrophenhilfe.de/spenden/spenden.php.