Wenn die Welt auf den Kopf gestellt wird

117
Andacht im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern

Andacht im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern über das Taufversprechen

Oder wisst ihr nicht, dass alle, die wir auf Christus Jesus getauft sind, die sind in seinen Tod getauft? So sind wir ja mit ihm begraben durch die Taufe in den Tod, auf dass, wie Christus auferweckt ist von den Toten durch die Herrlichkeit des Vaters, so auch wir in einem neuen Leben wandeln. Denn wenn wir mit ihm zusammengewachsen sind, ihm gleich geworden in seinem Tod, so werden wir ihm auch in der Auferstehung gleich sein. Wir wissen ja, dass unser alter Mensch mit ihm gekreuzigt ist, damit der Leib der Sünde vernichtet werde, sodass wir hinfort der Sünde nicht dienen. Denn wer gestorben ist, der ist frei geworden von der Sünde. Sind wir aber mit Christus gestorben, so glauben wir, dass wir auch mit ihm leben werden.

Römer 6, 3–8

„Du hast meine Welt auf den Kopf gestellt“, das sagen frisch Verliebte, wenn es sie so richtig erwischt hat. Wichtiges wie Arbeit, Schlaf und Nahrungsaufnahme wird auf einmal unwichtig, bisher Unwichtiges wird plötzlich zum Wichtigsten auf der Welt: Zeit mit dem oder der Geliebten zu verbringen. 

Dieses Gefühl, dass die Welt auf den Kopf gestellt wird, habe ich jedes Mal, wenn ich bei einer Taufe den Täufling begrüße. Zu Beginn des Gottesdienstes zeichne ich dem Täufling ein Kreuz auf die Stirn und spreche dazu: „Nimm hin das Zeichen des Kreuzes, du gehörst Christus, dem Gekreuzigten und Auferstandenen.“ Zumeist sind es ja Säuglinge oder Kleinkinder, die ich taufe. So zeichne ich dann also dem süßen Baby ein Kreuz auf die Stirn, das Zeichen eines qualvollen Todes. Und selbst-ver-ständlich liegt mir nichts ferner, als diesem Kind so einen Tod zu wünschen. Ja, ich möchte in diesem Moment noch nicht einmal daran denken, dass sich Menschen so etwas antun. Daher steht jedes Mal bei einer Taufe meine Welt Kopf – und die der Anwesenden vermutlich auch. 

Zum Glück gibt es ein Taufgespräch, in dem ich diese Zeichenhandlung und damit ein Kernstück der Taufe erklären kann. Das Kreuzzeichen steht dafür, dass in der Taufe der symbolische Durchgang durch den Tod zu einem neuen Leben geschieht. So heißt es ja auch in unserem Predigttext: „Sind wir aber mit Christus (ergänze: in der Taufe) gestorben, so glauben wir, dass wir auch mit ihm leben werden.“ So ist das Kreuz ein Symbol dafür, dass Jesus Christus den Tod überwunden hat und wir deshalb befreit und
ohne Angst leben können. Genau das wünsche ich natürlich auch jedem Kind – und kann daher auch bei einer Taufe aus Überzeugung das Kreuz auf die Stirn des Täuflings zeichnen. 

Martin Luther betonte übrigens, dass dieses Taufgeschehen nie abgeschlossen ist. Das ganze Leben eines getauften Menschen ist ein Einüben im Christ-Sein. Die Geduld, die Gott dabei mit uns zeigt, hat den Ursprung in der Liebe. Gott liebt uns so sehr, dass er unsere Welt immer wieder auf den Kopf stellt. Aus Tod wird Leben und aus Verzweiflung Hoffnung. Das wünsche ich auch allen Täuflingen der Welt: dass sie einmal eine Liebe finden, die ihre Welt auf den Kopf stellt. Und dass sie immer spüren, dass Gott aus Liebe die Welt schon längst auf den Kopf gestellt hat. 

Dekanin Nina Lubomierski, Landshut

Lied 200: Ich bin getauft auf deinen Namen