Johannisnacht als Wendepunkt gegen Verblendung?

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Editorial von Susanne Borée, Redakteurin und Chefin vom Dienst beim Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern

Editorial im Evangelischen Sonntagsblatt von Susanne Borée

Böse Geister schienen erwacht zu sein: Bei einem besonders blutigen Tanz um das Johannisfeuer – damals vor genau hundert Jahren: Am 24. Juni 1922 ermordeten Rechtsradikale Außenminister Walter Rathenau nach jahrelangen Hassdrohungen. 

Trotzdem lehnte er Polizeischutz ab. „Warum sucht denn jemand sein Glück in der Verfolgung seines Nächsten?“, so fragte er einst. „Weil es ihn tröstet und erhebt, sich über andere zu stellen. Glückliche Menschen sind das nicht.“

Zunächst wollte er Künstler werden. Das verweigerte sein Vater. Offizielle Karrieren als Offizier oder Diplomat – wie er erträumte – standen ihm als Juden nur sehr eingeschränkt offen. So übernahm Rathenau im väterlichen Betrieb der AEG bald eine tragende Rolle. Im Ersten Weltkrieg setzte er schon auf Expansion, doch sein Verhandlungsgeschick ebnete Wege. 

Er gewann zunehmend einen realistischen Blick auf Entwicklungen. Schließlich übernahm er auch politische Verantwortung, zuletzt als Außenminister. Er soll „alle Fäden in der Hand“ gehabt haben – so der antisemitische Vorwurf der Täter. Seine Ermordung sollte den Sturz der Regierung nach sich ziehen. Die Weimarer Republik hielt noch ein Jahrzehnt durch. Doch markiert der Mord einen Wendepunkt. 

Und vor 200 Jahren, am 25. Juni 1822, starb der Dichter E.T.A. Hoffmann (Seite 8), der lange in Bamberg lebte. Nur dieser Zufall scheint ihn mit Rathenau zu verbinden. Seine Spukgeschichten über Schicksalsschläge und seelischen Verstrickungen, denen sich niemand entgegenstemmen kann, verursachen Gänsehaut. Ebenso wenig gelang dies Rathenau. 

In Hoffmanns „Sandmann“ geschehen so viele unwahrscheinliche Verwirrungen und Wendungen, dass es bei jedem anderen Autor zum Überdruss führen würde. Doch die Handlung treibt E.T.A. Hoffmann durch seine geniale Sprache und geschickt Anspielungen voran: Ist es nicht viel schrecklicher, wenn sich der Spuk im Kopf des Helden abspielt? Der Blick durch ein offenbar verhextes Fernrohr beim „Sandmann“ verändert Perspektiven – verwirrte Sichtweisen durch ideologische Brillen?

Der Johannistag ist ein Wendepunkt: Nun werden die Tage wieder kürzer – wie es dem Täufer in dem Bibelwort zugeschrieben wird: „Er muss wachsen, ich aber muss kleiner werden.“ (Joh 3, 30). Hoffentlich nimmt selbst die Verblendung ab, deren Jubiläen wir gerade gedacht haben!