Ein Neuanfang

89
Andacht im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern

Andacht im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern über bewusste Wahrnehmung des Lebens

Mit ihm seid ihr begraben worden in der Taufe; mit ihm seid ihr auch auferweckt durch den Glauben aus der Kraft Gottes, der ihn auferweckt hat von den Toten. Und Gott hat euch mit ihm lebendig gemacht, die ihr tot wart in den Sünden und in der Unbeschnittenheit eures Fleisches, und hat uns vergeben alle Sünden. Er hat den Schuldbrief getilgt, der mit seinen Forderungen gegen uns war, und hat ihn aufgehoben und an das Kreuz geheftet. Er hat die Mächte und Gewalten ihrer Macht entkleidet und sie öffentlich zur Schau gestellt und über sie triumphiert in Christus. 

Kolosser 2, 12–15

Oamoi von vorn ofanga“ singt Konstantin Wecker auf seinem Album „Ich will noch eine ganze Menge leben“ aus dem Jahr 1978. In diesem Song schlüpft der Liedermacher in die Rolle eines Menschen, der einen schweren gesundheitlichen Schlag erlitten hat. Er hat erfahren, wie knapp er davongekommen ist und wie rasch ein Leben zu Ende gehen könnte. Ihm wird klar, dass er das, was wichtig ist, sein ganzes Leben lang übersehen hat. Damit möchte er nun aufräumen und sein Leben ändern. 

Leben wir bewusst? Nehmen wir uns ausreichend Zeit für das, was uns in unserem Leben wirklich wichtig ist? Seien es Familie, Freunde, Hobbies oder ein persönliches Engagement für ein großes Ziel, wie z.B. die Bewahrung der Schöpfung. 

Gegenwärtig erleben wir wieder eine Flüchtlingswelle und ebenso eine Welle der Hilfsbereitschaft. Viele bieten Unterkünfte für Menschen, die vor dem Krieg in der Ukraine geflüchtet sind. In Kirchengemeinden werden Sprachkurse und Mahlzeiten organisiert. Auf einmal spüren wir wieder, wie kostbar ein Leben in Frieden und Sicherheit ist, aber auch wie wichtig menschliche Nähe und Solidarität sind – für die Empfangenden und die Gebenden gleichermaßen. Es geht im Grunde darum, dass Menschen ein Umfeld erleben, das ihnen guttut. Dazu gehören Elemente wie Verbundenheit, Sinnhaftigkeit, Angstfreiheit und Mitgestaltung, aber auch gegenseitiger Respekt und Begegnung auf Augenhöhe, insbesondere aber um die Würde und Würdigung jedes einzelnen Menschen.

Dazu befähigt uns der heutige Predigttext zum Sonntag „Quasimodogeniti“ (1. Petrus 2, 2, „wie die neugeborenen…“). Dieser Sonntag stellt die neue Geburt in den Mittelpunkt, die wir durch die Taufe erfahren. Es ist  eine Geburt im Geist Gottes und der Anfang eines neuen Lebens. Das, was uns von Gott absondert und trennt, ist vergeben und aufgehoben. „Er hat den Schuldbrief getilgt, der mit seinen Forderungen gegen uns war, und hat ihn aufgehoben und an das Kreuz geheftet.“

So lernen wir durch die Taufe die Welt in einem neuen Licht zu sehen. Der Finsternis werden Grenzen gesetzt. Sie hat nicht mehr die Macht, alles zu besetzen. Im Neuen Testament wird Jesus als das Licht des Lebens beschrieben, das stärker ist als die Finsternis des Todes. Dieses Licht der Auferstehung birgt eine große Verheißung, eine große Hoffnungskraft: sich nicht von den Finsternissen dieser Welt beeindrucken oder gar beherrschen zu lassen.

Martin Luther erinnert uns in seinem Kleinen Katechismus (4. Hauptstück: Das Sakrament der heiligen Taufe) daran, dass wir mit der Taufe die Chance zum Neuanfang erhalten haben, und zwar zum tagtäglichen Neuanfang.

Dr. Peter Marinkovic, Dekan, Prodekanat München-Ost

Lied 591: Wir glauben dich, Gott