Aufstehen zum Leben

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Inge Wollschläger im Editorial für das Evangelische Sonntagsblatt aus Bayern

Editorial von Inge Wollschläger im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern

Vor einiger Zeit war ich in einer sehr schlichten Kirche. Ein moderner Bau, wenig „Schnickschnack“ im Inneren, klare Strukturen. Diese Klarheit gefiel mir sehr gut – vielleicht auch deshalb, weil zu dieser Zeit vieles in meinem Leben eher unklar war. Über dem Altar hing eine weißgekleidete Christusfigur, die schemenhaft aus Grabplatten aufzustehen schien. Um den Kopf trug der Auferstandene einen hellen Schein aus Gold. 

Ostern ist  als Fest für dieses Jahr gefeiert – und dennoch bleibt die Botschaft und das Altarbild in dieser für mich sehr stimmigen Kirchen weiterhin im Herzen und im Gedächtnis. 

Mit „Aufstehen zum Leben“ hat der Berner Dichter und evangelische Pfarrer Kurt  Marti Ostern und das, was da passierte, kurz und prägnant beschrieben. Da heißt es in einem seiner Gedicht: Ihr fragt /gibt es keine Auferstehung der Toten? / ich weiss es nicht. / Ich weiss nur / wonach ihr nicht fragt: / Die Auferstehung derer die leben. / Ich weiss nur / wozu Er uns ruft: / Zur Auferstehung heute und jetzt.

All das wurde mit bewusst – und ist es noch immer – als ich in dieser Kirche vor dem Christusbild stand: Auferstehung heißt zunächst einmal ganz praktisch: Aufstehen. Aufstehen zum Leben. 

Ich bleibe nicht in meinem Kummer, in all meinen Sorgen liegen und verhaftet, sondern es geht weiter. Immer weiter. 

Auferstehen  Auferstehung heißt, das Glück zu empfinden, dass ich atme, dass ich sprechen und singen kann. Auferstehung heißt zu spüren, dass Blut durch meine Adern fließt, und dass ich meine Glieder bewegen kann – zumindest meistens.

Auferstehung heißt, dass ich morgens die Augen aufschlage und sage: Da bin ich wieder, lieber Gott. Manchmal heißt es auch, dass ich einmal bewusst mein Leben aus der Vogelperspektive betrachte. Und ich mit Abstand auf das schaue, wie und was ich Tag für Tag lebe und erlebe. Oft stelle ich dann fest: mein Leben ist ein Geschenk. Viele Menschen um mich herum sind ein Segen für mich.  Ich bin nicht allein auf dieser Welt. Und wann immer es klemmt und zwickt in meinem Leben – oder auch in meinem Körper – weiß ich: Mir wurde dieses Leben geschenkt. Und ich stehe auf zum Leben.