Achtung Nebenwirkungen! Einwurf zur Impfdebatte

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Editorial im Evangelischen Sonntagsblatt von Susanne Borée

Das Editorial zum Hören:

 

Und zum Nachlesen:

„Ja, der Impfstoff kann Nebenwirkungen haben“, so tönt es auf Französisch von den Plakatwänden in unserem Nachbarland. Großformatig ist da ein Paar zu sehen, das sich innig küsst. Dazu steht: „Mit jeder Impfung geht das Leben weiter – lassen Sie uns impfen.“

Das hat Format! Und das nicht nur zum Valentinstag. Es lässt sich gar nicht mit der deutschen Impfkampagne vergleichen. Als ich von den entsprechenden Vorschlägen der Bundesregierung hörte, war mir eher zum Heulen zumute. 

Nicht nur wegen der Pastelltöne der vorgestellten Plakate und aufgrund des farblichen Zusammenklangs mit „Sanifair“-Bons bei Autobahn-Raststätten. Und auch nicht wegen des simplen Slogans „Impfen hilft“. Und der Telefonnummer des ärztlichen Bereitschaftsdienstes 116117, bei der man schon ohne Werbung auf schier endlosen Warteschleifen landet.

60 Millionen Euro soll die Kampagne gekostet haben. Für wie viele PCR-Tests hätte das Geld gereicht? Oder für Raumluftreiniger in den Schulen oder Boni für Pflegekräfte? Da erscheint mir diese Pastell-Werbung nur hilflos. Aber in Frankreich wurde auch vor dem ersten Lockdown Rotwein anstatt Toilettenpapier knapp. Da trifft die Sanifair-Werbung ins Herz!

Wo lässt sich verantwortliches Handeln finden? Wie gehen wir mit den Sorgen der Jugend um, die seit langem Angst vor der Schule hat – nicht wegen Klausuren oder Klassenkeile, sondern vor einer Corona-Ansteckung? Wer fängt das auf – abgesehen von den Eltern, die selbst Angst haben müssen, sich ihren Kindern zu nähern? 

Und was ist mit den Ängsten der Lehrkräfte? Teils isolieren sie sich in ihrem Privatleben trotz Impfung und Booster schon weitgehend freiwillig, um nicht für andere zur Gefahr zu werden. Immer mehr kommen kopfschüttelnd zu der Haltung, dass nun eh alles egal ist. Wer kann es ihnen verdenken? 

Inmitten explodierender Ansteckungszahlen beginnen Diskussionen um Öffnungen. Offenbar finden die Lauten wie so oft am meisten Gehör. Mit meiner Entscheidung für das Sonntagsblatt wollte ich nicht länger gegen eine laute Klasse anbrüllen, sondern still Akzente setzen. Die Aufgeregten und Lauten verändern wenig, sondern wecken eher Abwehr. Doch nun stehe ich wieder inmitten der Nebenwirkungen existentieller Dispute. Wo findet sich noch Format? Und wie kann für uns gewissenhaftes Leben weitergehen?