Von engen Klinikfluren zur weiten Küste

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Perlenthron von Bamoun in Berlin aus dem Film „Verkaufte Götter“. Foto: Internationales Filmwochenende
Perlenthron von Bamoun in Berlin aus dem Film „Verkaufte Götter“. Foto: Internationales Filmwochenende

Internationales Filmwochenende mit reichen kulturellen Perspektiven online unterwegs

Im ewigen Zwielicht eilt Rehana durch endlose Klinikflure. Ohnehin ist sie damit überfordert, ihre Familie und den Beruf unter einen Hut zu bringen. Die Szenen könnten einem Albtraum entsprungen sein, zumal Donnergrollen eines nahen Gewitters öfter im Hintergrund zu hören ist. Doch geht es um ihre Entscheidung: In dem gleichnamigen Film aus Bangladesch will sie als Assistenzprofessorin an einer medizinischen Hochschule Gerechtigkeit – nachdem sie zur Beinahe-Zeugin eines sexuellen Übergriffs ihres Vorgesetzten an einer Studentin wurde. 

Nicht nur sie ist zu neuen Ufern unterwegs, sondern dieses Motiv eint viele der rund 70 Aufführungen aus 22 Ländern des 48. Internationalen Filmwochenendes in Würzburg. Welche Pfade lassen sich gehen – ohne sich selbst zu verlieren?

Diese Gewissensfrage galt selbst für Dokumentationen. Nachdem das Wochenende 2021 nur online stattfinden konnte, war es nun zumindest hybrid möglich. Am letzten Wochenende im Januar gab es in Präsenz nur Aufführungen im Kino Central im Würzburger Bürgerbräu mit begrenzten Plätzen – und daneben online abrufbar. So war eine besonders weite Verbreitung ohne Anfahrtswege möglich – mit Perspektiven aus unterschiedlichsten kulturellen Pfaden.

Den Wegen der „Raubkunst“ nachspüren

Den verschlungenen Wegen der „Raubkunst“ näherte sich auch die Dokumentation „Verkaufte Götter“ von Peter Heller. Einerseits zeigte er auf, dass Hunderttausende Schnitzer und Zwischenhändler in Afrika von modernen Nachbildungen traditioneller Masken und Statuen leben, die als moderne Kopien nicht selbst als heilig gelten. Waren die Originale nicht vor Vernichtung gerettet, nachdem weite Teile Afrikas von Christen und Muslimen missioniert wurden? 

Andererseits ist dann erst bei Auktionen in Europa und Nordamerika das große Geld mit ihnen zu machen. Und nach traditionellem Verständnis gewinnen sie in Afrika erst ein bewegtes Leben durch den Gebrauch in Tanz und Kult. 

Wie aber sieht es dann mit der Nachbildung des Perlenthrons für den Herrscher von Bamoun aus (Foto)? Denn das Original ist seit der Kaiserzeit in Berlin. Der Vorfahr des heutigen Herrschers schenkte ihn einst dem Kaiser Wilhelm II. – doch geschah es nicht unter Druck? Und symbolisiert es nicht den Verlust der eigenen Identität, wie weitere Nachfahren der Herrscherfamilie meinen? 

Welche Wege kann da ein anständiger Ausgleich gehen? Nur die geraubten Objekte zurückerstatten? Und was ist mit Kunst, die die Holzschnitzer eigens für Europäer anfertigen – und teils seit Jahrhunderten angefertigt haben? Für sie bricht ihre Existenzgrundlage durch diese Diskussionen ein. Da sind neue Pfade nötig, um den kulturellen Wandel durch diese Dispute zu meistern.

Schicksale im Umbruch

Auch persönlich gilt es, Umbruchzeiten zu meistern. Die Schweizer Dokumentation „Vamos“ zeigt die Lebenswege von vier Menschen in der Übergangszeit um ihr 50. Lebensjahr auf: Zwei sind von den Partnern getrennt, die Kinder flügge. Die Reise nach Indien und die Instandsetzung eines Hauses in den Bergen verändern ihre Lebenswege. Jacqueline ist seit einem guten Jahrzehnt blind – und nun zusätzlich krebskrank. Doch sucht sie sich Menschen, in deren Begleitung sie sogar im Winter mit Schneeschuhen den unberührten Wald erfahren kann. Ein weiteres Porträt zeigt, wie Marcello in einen Bauwagen zieht. Dafür hat er nun Ressourcen für die Partnersuche – und das für das Segeln, um neue Perspektiven zu finden.

Viel existenzieller ist es für Guled, neue Wege zu beschreiten, wie ein weiteres Beispiel aus den fiktiven Filmen dieses Wochenendes zeigt. Vor dem Krankenhaus in Dschibuti am Horn von Afrika ist er auf jeden Leichnam angewiesen. In dem Film „Die Frau des Totengräbers“ leidet sie an einer chronischen Nierenkrankheit – ohne eine teure Operation muss sie sterben. Auch der halbwüchsige Sohn beginnt, Geld zu beschaffen. Doch all das ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Da macht sich Guled auf durch die Einöde in sein Heimatdorf. Dies verließ er wegen der Liebe zu seiner Frau einst fluchtartig. Kann er jetzt noch die Rechte an seinem einstigen Anteil der Ziegenherde einfordern? Werden seine Verwandten anständiger handeln als das anonyme Gesundheitssystem in der Hauptstadt?

Und kann Lesya Anstand erwarten? Sie hat ihren Mann aus Eifersucht getötet. Hinter den Gittern eines ukrainischen Frauengefängnisses bringt sie in diesem Film als eine von „107 Mothers“ ihr Baby zur Welt. Diese dürfen bei ihren Müttern bis zum dritten Geburtstag leben. Da aber liegt noch jahrelange Haft vor ihr. Trotz ihrer ewig unbewegten Gesichtszüge, erstarrt wie ihr Leben, sucht sie nun verzweifelt nach jemandem, der sich um ihn kümmert: Mutter und Schwester verweigern ihre Hilfe. Schließlich sagt ihre Schwiegermutter, deren Sohn sie ermordet hat Hilfe zu – doch muss seine Lesya ihn für immer an sie abgeben. Sonst bleibt für ihn nur das Waisenhaus. In welche Zukunft führt die Wärterin ihn nun?

Der Film endet ebenso mit offenen Faden wie „Rehanas“ verzweifelter Kampf um Gerechtigkeit. Auch in dem Film aus Bangladesch setzt die Ärztin das Glück der Tochter und ihre Zukunft aufs Spiel. 

Unterwegs zur Zukunft

Keine Zukunft scheint der Fischer Colmán Sharkey in dem irischen Film „Arracht“ („Monster“) zu haben. Und doch bietet diese ihm ein hilfloses Mädchen, das er bei sich aufnimmt. Kurz vor der großen Hungersnot im Irland um 1850 nimmt er einen Fremden auf. Dieser, Patsy, begleitet Colmán beim Bittgang zum englischen Landbesitzer, damit die Pacht in dieser Notzeit stabil bleibt. Wer ist hier das „Monster“? Denn Patsy läuft Amok und  Colmán wird als Mörder beschuldigt. Er kann sich in einer Höhle auf einer einsamen Insel verstecken, doch seine Familie dort nicht am Leben erhalten. Nur ein krankes Mädchen gibt ihm neuen Mut. 

Doch plötzlich taucht Patsy wieder bedrohlich auf: Auf welcher Seite steht er? Obwohl die Weite des Atlantiks in vielen Einstellungen mit seiner Höhle kontrastiert, scheint Colmáns Existenz genauso beengt wie Rehanas oder Lesyas – welchen Wasserwegen kann er noch folgen? 

Auch hier bleibt die Zukunft offen – wie bei vielen weiteren Filmen des Wochenendes von den „Verkauften Göttern“ bis zu den ukrainischen Gefängnismüttern.

=> Mehr Infos unter Filmwochenende.de