Vorsicht vor Geisterfahrten

245
Susanne Borée, Redakteurin beim Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern
Susanne Borée, Redakteurin und Chefin vom Dienst beim Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern, Hintergrundbild von Erich Kraus.

Editorial im Evangelischen Sonntagsblatt von Susanne Borée

Das Editorial zum Hören:

 

Und zum Nachlesen:

Ein unerfreuliches Telefonat musste ich zum Jahreswechsel führen. Es ging um unsere „unerträgliche Propaganda für das Impfen“. Der Disput riss mich plötzlich aus dem Schreiben eines Artikels für Sie – und ging mir lange nach. Als Eintreten für staatliche Zwangsmaßnahmen empfand mein Gegenüber unsere Texte. 

Gilt das nicht für fast alle Normen unseres Zusammenlebens? Warum sollte ich mich an Verkehrsregeln halten? Warum darf ich mir nicht selbst zutrauen, wie ich am besten fahre? Weil sich andere darauf verlassen, dass ich anhalte und mich umschaue, wenn ich keine Vorfahrt habe. Und dass ich vorsichtig und vorausschauend fahre. 

Sicher wäre es für Kinder und Ältere (und die Umwelt) besser, wenn der Verkehr vorsichtiger flösse, aber der Kompromiss ist lange ausgehandelt. Neue Entwicklungen geschehen da langsamer. 

Sicher dachten wir noch kürzlich, dass eine FFP-2-Maske oder eine doppelte Impfung ausreichen würden. Vieles ist schwächer als erhofft, aber besser als Nichts. Sicher merkt mancher Körper nach dem Piks, dass die Infusion arbeitet: Das ist gut und schnell vorbei. 

Nur: Warum soll ich mich einschränken und bald noch eine Triage fürchten müssen, nur weil es zu wenig Intensivbetten gibt? Sicher waren die Krankenhaus-Reformen unverantwortlich. Und es gibt viel überflüssiges Hin und Her bei der Diskussion mancher Regeln. 

Doch ich muss selbst nach bestem (und zwar seriösem) Wissen und Gewissen verantwortlich handeln – gerade wenn andere ihrer Verpflichtung nicht gerecht werden. Eine solche Solidarität geht für mich in der christlichen Gemeinschaft über gesellschaftliche Kompromisse hinaus. Das hindert mich nicht daran, Besseres einzufordern. Nur nicht als Geisterfahrerin und Verkehrsrowdy.

Damit stütze ich keineswegs autoritäre Staaten. Manche Länder  nutzen Corona zum Machtmissbrauch aus. Niemand darf Menschen, die anders denken oder sind, verfolgen und vernichten. Das geschieht nicht in Westeuropa, so Menschenrechtsorganisationen wie amnesty international. 

Erstens erscheint der Staat da eher als zu schwach. Zweitens ist schon jetzt zum Holocaust-Gedenktag jeder Vergleich zwischen noch so missglücktem Corona-Management und Vernichtungswillen unerträglich. Jesus wies uns den Weg zum verantwortlichen Miteinander, nicht zum Recht des Stärkeren und Lauteren.