Nebel und Neige des Jahres

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Susanne Borée Editorial Hintergrundbild Kraus

Editorial von Susanne Borée im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern

Das Editorial zum Hören:

 

Und zum Nachlesen:

Der Nebel legt sich feucht auf mein Gesicht und macht die Finger klamm. Dabei war doch Sonnenschein trotz des Novemberdatums angesagt!

Weiter oben strahlt sie wahrscheinlich auch wie vorhergesagt. Doch hierher in die Niederungen kommt sie gerade nicht durch. Unten am Fluss wird es wohl wieder bis in den Nachmittag hinein dauern, bis der sich verzogen hat. So lange also hinauf in die Frankenhöhe, die sich am Horizont bei dem trüben Wetter kaum erahnen lässt? Glücklich, wer dazu Zeit hat!

Denn nicht nur der Nebel, die Neige des Jahres scheint sich in diesem Monat zusammen zu ballen. Vom Gedenken an die Reichs-pogromnacht über den Buß- und Bettag und den Volkstrauertag und schließlich zum Ewigkeitssonntag bietet er uns einen einzigen Marathon des Gedenkens. Die Lichterzüge am Martinstag scheinen dann seltsam in diese Daten eingequetscht zu sein. 

Und dann will noch die Adventszeit vorbereitet sein. Vor allem in diesem Jahr, in dem angeblich Warenknappheit zum Weihnachtsfest angesagt wird, klopft sie drängend vor der Tür. 

Da hilft es nur, tief durchzuatmen, die feuchte Luft weit in die Lungen hinein. Nein, jetzt lasse ich mich nicht hetzen von meinem Terminkalender und den Listen, die mir sagen, was noch alles zu tun und zu erledigen ist. Jetzt genieße ich den Nebel. Ja, auch seine schwere Luft, die alles durchdringt. Und die gleichzeitig die Ungewissheit vor meinen Augen verbirgt.

Vielleicht ist es besser, nicht zu wissen, was die nächsten Wochen oder Jahre bringen werden! Die nächste Corona-Welle, zu wenig effizientes Handeln gegen die Klimakrise, Inflation oder eine trudelnde Wirtschaft? Gibt es einen politischen Aufbruch oder schleppen wir uns mühsam auf alten glitschigen Wegen dahin – mühsam verdeckt durch klingende Worte?

Nun gut, der Lichtmangel in diesem November drückt ganz besonders auf die Stimmung. Umso weniger bringt es, sich von Sorgen oder Zweifeln allzu sehr niederdrücken zu lassen! 

Dass nun die letzten Blätter dieses Jahres feucht von den Bäumen fallen, ist nicht nur ein Zeichen für das Ende: Nein, das feuchte Laub bietet auch eine Grundlage für die Verwandlung im Erdreich: Es dient als Nährstoff für den Humus, der in wenigen Wochen schon neues Wachstum ermöglicht – die feuchte Luft beschleunigt den Prozess.