Erinnerung an Verstorbene im Umbruch

78
Evangelische Friedhöfe in Bayern, Hg. von Hans-Peter Hübner und Klaus Raschzok
Titelbild: Evangelische Friedhöfe in Bayern, Hg. von Hans-Peter Hübner und Klaus Raschzok mit Beiträgen von mehr als 30 Autorinnen und Autoren.

Evangelische Friedhöfe in Bayern: Wie die Botschaft der Grabmäler eine Zukunft hat

Trauer sollte nun nicht mehr nötig sein: Was war der Tod denn anderes als ein Schlaf, durch den sich schnell die Zeit bis zum Jüngsten Gericht überstehen ließ?

So sah Martin Luther Tod und Sterben. Das führt Reiner Sörries, der langjährige und nun pensionierte Direktor des Museums für Sepulkralkultur in Kassel in seinen einleitenden Gedanken zum Sammelband „Evangelische Friedhöfe in Bayern“ aus. Dieses umfassende und ansprechend gestaltetes Buch ist im Auftrag der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche in Bayern erschienen. Herausgegeben haben es Oberkirchenrat Hans-Peter Hübner und der praktische Theologe Klaus Raschzok aus Neuendettelsau. 

Ein erster Teil umfasst umfangreiche Aufsätze von der Frage nach „Glaube, Frömmigkeit und Kultur im Spiegel evangelischer Friedhöfe“ über die „Gestaltung des Friedhofs“ und der „Friedhofskultur“ bis hin zu Geschichte, Gegenwart und Zukunft evangelischer Friedhöfe. 

Die Reformation bedeutete sicherlich eine besondere Umbruchzeit für das Bestattungswesen: Denn der Tod hatte für die Gläubigen in der Nachfolge Martin Luthers seinen Schrecken verloren. Schließlich fiel das Fegefeuer nun aus. Die Verstorbenen konnten friedlich ruhen – mit guter Hoffnung auf das Jüngste Gericht. Den Ruheort für die Verstorbenen sah der Reformator auch „als Stätte der Verkündigung“ und gleichzeitig als Ort einer ehrenden Bewahrung der Verstorbenen.

Bedeutung der Grabstätte für Trauerarbeit

Welche Bedeutung eine Grabstätte noch vor wenigen Jahrzehnten für eine Familie haben konnte, das stellt Konrad Müller eindrucksvoll vor: Er beschreibt die Familientradition einer älteren Frau, die seit ihrer Kindheit mit ihren Lieben die früh verstorbenen Geschwister zu Weihnachten besuchte, ihnen ein Tannenbäumchen aufs Grab stellte und die Weihnachtserzählung laut vorlas: Damit oder mit ähnlichen Ritualen ließen sich Verstorbene ins „Gegenwärtig-Sein“ zurückholen. Der Friedhof wird so zu einem besonderen „Ort einer religiösen oder christlichen Gegenerfahrung“ im Angesicht des Verlustes. 

Bei den einleitenden Aufsätzen und Gedanken sind als Autoren und Autorinnen neben Reiner Sörries und Klaus Raschzok auch Andrea K. Thurnwald als Leiterin des Bad Windsheimer Kirchenmuseum, Renate Kleiber-Müller, Andrea Schwarz oder Christian Schmidt zu nennen.  Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm hat das Geleitwort verfasst. Schon dies zeigt, dass dies Projekt eine möglichst umfassende Bestandsaufnahme evangelischer Friedhofskultur in Bayern darstellt. 

Und das Buch stellt sich der Frage, wie Friedhöfe zukunftsfähig gestaltet sein können. Denn die Traditionen rund um die Grablegung sind inzwischen einem fundamentalen Wandel unterworfen – wahrscheinlich befindet sich unsere Epoche ebenso in einer Umbruchszeit wie die Reformationszeit. Nur bedingen dies heute gerade die praktischen Veränderungen: Von der Urnenbestattung, die auch auf evangelischen Friedhöfen immer größere Ausbreitung findet, bis zu Beisetzung in Friedwäldern (auch auf dem Schwanberg) und losgelöst von den Bezugssystemen der Familie und Dorfgemeinschaft brechen sie sich Bahn. 

Andererseits beschweren sich Hinterbliebene über die Zwänge zu rigider Friedhofsordnungen, die ihren Bedürfnissen nach Trauerarbeit nicht mehr gerecht werden – eben, weil gerade so viel im Wandel ist.

Das Verhältnis zwischen der „Unverwechselbarkeit des einzelnen Verstorbenen“ und der „schlichten und einheitlichen Gesamtanlage“ gerät immer deutlicher in die Diskussion, so Klaus Raschzok. Wie aber kann Seelsorge an den Hinterbliebenen bei einer Bestattung in anonymen Gräbern oder einer Gemeinschaftsanlage geschehen, wen es keinen genau benannten Ort der Trauer mehr gibt? Auch Löhes Gedanke der „Pilgerschaft des Volk Gottes“ spiegelt sich dort wieder. Insofern ist es dem Praktischen Theologen wichtig, dass diese kirchliche Seelsorgearbeit auf den Friedhöfen nicht „‚nach außen“ abgegeben wird.

Wandel der Trauerkultur

Natürlich erhielten „auch früher schon“ Leichenfrauen und Totengräber sowie jugendliche Kurrendesänger jeweils den ihnen zustehenden Lohn von den Hinterbliebenen, wie Sylvie Dietrich ergänzt. Sie vermittelten Folgeaufträge etwa an den Leichentransport – nicht ohne persönliche Hintergedanken. 

Im Tod waren gerade „früher“ keineswegs alle gleich: Kirchenzucht belegte Verstorbene, die nicht den üblichen Moralvorstellungen gerecht geworden waren, noch im Tod mit entehrenden Ritualen. 

Für Reiche boten Begräbnisfeier und Grabgestaltung den Raum für eine eindrucksvolle Selbstinszenierung. Epitaphe im 16. und 17. Jahrhundert. Und gerade im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert entstanden auf den Gräbern betuchter Verstorbener aufwendige Skulpturen, die Andrea K. Thurnwald näher erläutert: Sie zeigen trauernde oder segnende Engel oder Jesusfiguren. Daneben aber auch weltliche Symbolik wie abgebrochene Säulen, Obeliske oder Anklänge an antike Grabreliefe. Die Verstorbenen erhielten so ein solides Andenken. Was kommt nun?

61 ausgewählte Gottesäcker

Diese Spuren lassen sich bei der Vorstellung von 61 ausgewählten Gottesäckern aus ganz Bayern von Altdorf bei Nürnberg bis Wunsiedel weiter folgen. Alexander Biernoth war in Ansbach unterwegs, Reinhard Hüßner in Mönchsondheim, Günter L. Niekel in Wald und viele andere – für Sonntagsblatt-Leser keine unbekannten Namen. Der Schwerpunkt dieser evangelischen Friedhofskultur liegt wenig überraschend in Mittel- und Oberfranken – von Detwang bei Rothenburg und Segringen bis Selb.

In der Erinnerung an gelebte Traditionen und ihrer Weiterentwicklung an heutige Herausforderungen erhält der Friedhof seine Funktion als „Zeitinsel“, wie Klaus Raschzok ihn auch nennt. Und ebenso als „kirchlichen Lern- und Lebensraum“, in dem sich „spezifische Formen der Seelsorge an den Trauernden, ein umfassendes Gedenken der Verstorbenen sowie ein heilsames Zur-Ruhe-Kommen und andächtiges Versenken der diesen Ort aufsuchenden Lebenden“ vollziehen. 

Evangelische Friedhöfe in Bayern, Hg. von Hans-Peter Hübner und Klaus Raschzok mit Beiträgen von mehr als 30 Autorinnen und Autoren. 580 Seiten mit rund 700 Abb., u. a. historische und aktuelle Fotos, aber auch Grundrisse und Lagepläne etc.; Schiermeier-Verlag München; 39,50 Euro; ISBN 978-3-948974-04-6.