Auf zur Sinfonie der Zwischentöne!

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Susanne Borée Editorial Hintergrundbild Kraus

Editorial von Susanne Borée im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern

Das Editorial zum Hören:

 

Und zum Nachlesen:

Jetzt kommt sie wieder – die Zeit der Dunkelheit. Spätestens, wenn demnächst Ende Oktober wieder die Zeit umgestellt wird, ist das Leben winterlich dunkel geworden. Morgens der Aufbruch in die Dämmerung – abends eine Rückkehr in der Dunkelheit. 

Scheinwerfer geben nicht nur Orientierung, sondern blenden auch: besonders bei Nässe. Zeit für eine neue Brille, um mal wieder ein wenig schärfer zu sehen. Die alte war schon arg zerkratzt und brach so das Licht.

Und herrje, schon wieder war meine Sehschärfe schlechter geworden! Da freuen sich meine Augen auf das neue Hilfsmittel.

Gibt es dann wieder mehr Klarsicht und Durchblick? Aber bitte doch! Weder rosarot noch zu schwarz gefärbt soll dies sein – wenn wir schon mitten in der Symbolik sind.

Dabei war es diesmal gar nicht so einfach, ein passendes Brillengestell zu finden: Zu ausladend oder zu eulenrund ist da offenbar die aktuelle Mode – wie mir in mehreren Optikerläden versichert wurde. 

Na, dieser Nachtvogel hat wenigstens in den finstersten Stunden den Überblick – wenn auch seine Augen so seltsam erstarrt erscheinen. Wenigstens können sie für neue Perspektiven ihren Kopf so drehen, dass ich mir schier dabei das Genick brechen oder Nackenstarre bekommen würde!

Die modernen Gestelle gingen also gar nicht bei mir! Am Ende fand sich versteckt doch etwas Passendes, als ich nach mehreren Erkundungsflügen, nein -zügen, ins erste Geschäft zurückkehrte. 

Da wusste ich wenigstens, dass die vorangegangenen Beratungen mir keine zu eingeschränkte, wenn auch etwas einseitige Sichtweise boten. So ließ sich der Umgang mit neuen Perspektiven lernen.

Und bald geht es los, mit neuer Brechung scharf zu sehen, den Lichtkegel und der Dämmerung zu begegnen. Denn die zunehmende Dunkelheit des Herbstes zeigt ebenfalls: Wo die Reichweite der Scheinwerfer endet, wird die Nacht umso undurchdringlicher. Jenseits der breiten Straßen, wo ihr grelles Licht uns aufhört zu blenden, können auch Nicht-Nacht-eulen viel mehr Nuancen der Dunkelheit erkennen: Aus ihr taucht so eine Sinfonie der Grautöne auf. 

Sie beweisen: Licht und Finsternis reichen nicht aus, um diese Welt zu erfassen. Zwischentöne bestimmen das Leben. Sie geben dem Blick durch den Kontrast Tiefe. Auf zu neuen Perspektiven der Orientierung!