Lebensbegleitung statt Sterbebegleitung

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Alexander Kulla (links) und Dirk Münch denken über die Möglichkeiten eines angstbefreiten Abschieds nach.Fotos: Archiv Diakonie/Hospiz-Team
Alexander Kulla (links) und Dirk Münch denken über die Möglichkeiten eines angstbefreiten Abschieds nach.Fotos: Archiv Diakonie/Hospiz-Team

Zum Welthospiztag: Nachdenken über die Möglichkeiten eines angstbefreiten Abschieds

Mehr Zeit für Sterbende bei ihrem Abschied – ist das nur ein ferner Traum? Dirk Münch hofft, dass dies nicht so sein muss. Der Vorsitzende des Hospiz-Teams in Nürnberg hatte im Sommer bei einer digitalen Podiumsdiskussion beklagt, „dass bei der Palliativ-Versorgung noch Luft nach oben sei.“ Und er empfand es – wie berichtet – als erschreckend, „wie viele Menschen sich in der letzten Lebensphase als Last für andere begreifen“. 

Vor den Wahlen stand dann, Gott sei Dank, anderes im Mittelpunkt. Bevor weiter über eine mögliche Suizid-Assistenz diskutiert wird, lohnt es sich etwa anlässlich des Welthospiztages am 9. Oktober erneut genau nachzufragen: Welche professionellen Konzepte für ein schmerz- und angstbefreites Abschiednehmen kann Dirk Münch vorschlagen? Und dies auch, wenn die Hospiz-Plätze längst nicht für alle Menschen am Lebensende ausreichen? Das sei auch gar nicht notwendig, erläutert er. Denn nur fünf Prozent wollen am Lebensende überhaupt in ein Hospiz. Da sei es besser, die zeitintensive Betreuung und Begleitung gerade in Seniorenheimen auszubauen.

Dazu stellt er gegenüber dem Evangelischen Sonntagsblatt das Projekt ZiB als „Zeitintensive Betreuung im Pflegeheim“ vor: Die Pflegenden in der Altenhilfe können bei der Sterbebegleitung Entlastung erfahren: Dazu wurden je zwei Mitarbeitende zusätzlich geringfügig für 20 Stunden im Monat vom Hospizverein angestellt. Fördermittel zweier Stiftungen machten eine Erprobungsphase 2019 und Anfang 2020 möglich. Zusätzlich stellten die Einrichtungen diesen Freiwilligen weitere zehn Stunden pro Monat Zeit zur Verfügung. Sie hatten zuvor eine Weiterbildung in „Palliative Care“ abgeschlossen. Darunter verstehen Experten eine umfassende und lindernde Betreuung für Menschen, die unter einer unheilbaren Erkrankung leiden, die zum Tode führt. 

Jede ZiB-Pflegekraft hatte also monatlich 30 „Extra-Stunden“ Zeit zur Begleitung von Sterbenden. Sie mussten dann nicht auf die Klingel achten, mit der andere um Aufmerksamkeit und Unterstützung baten.

Noch vor der Corona-Krise konnte das Hospiz-Team Nürnberg e. V. erste Erfahrungen mit dem ZiB-Projekt in drei Pflegeeinrichtungen sammeln. Menschen in der letzten Lebensphase und Angehörige zeigten sich dankbar für die Aufmerksamkeit und Fürsorge, die ihnen entgegengebracht wird, so Münch. 

Er ergänzt: Auch „die Pflegenden selbst fühlen sich wertgeschätzt, da sie nun den Tätigkeiten nachgehen können, die ihnen wichtig sind.“ Und er zitiert eine ZiB-Pflegekraft: ,,Für mich war es ungeheuer befriedigend, ungestört und ohne Zeitdruck den Bedürfnissen der mir anvertrauten alten Menschen nachzukommen. Endlich hatte ich das Gefühl, das tun zu können, wofür ich ausgebildet wurde.“

Zu den ZiB-Aufgaben gehört die Koordination von Hilfsmaßnahmen wie Schmerzmitteln, Gespräche mit den Patienten sowie Angehörigen – und ein Erfüllen persönlicher Wünsche. Auch Beratung zur Patientenverfügung war sehr wichtig. Denn oft erst in der konkreten Situation am Lebensende lässt sich neu abschätzen, welche Arten von Behandlung ein Sterbender noch will. 

Das Problem: Ab wann ist er oder sie überhaupt noch in der Lage, dies klar zu überblicken und auszudrücken? Da braucht es auf jeden Fall Zeit und Muße für Pflegekräfte, um dies zu überblicken. Und für manche Menschen, die mitten im Leben stehen, kann auch dies plötzlich zu spät sein. Dirk Münch denkt an einen damals 17-Jährigen, der beim Klettern stürzte. Er liegt seit Jahrzehnten im Koma – doch hatte er als Jugendlicher nicht darüber nachgedacht, ab wann Instrumente für ihn ausgeschaltet werden können.

Schon bei der Diagnose von solchen Krankheiten wie Krebs „müsse in alle Richtungen gedacht werden“. Das fordert Alexander Kulla. Er leitet das Hospiz am Erlanger Ohmplatz. Und er diskutierte ebenfalls im Sonntagsblatt im August mit dem Diakonie-Vorstand Matthias Ewelt über den assistierten Suizid. Auch ihm ist es wichtig, dass in Pflegeheimen sowie in Krankenhäusern das Personal mehr Zeit für die Sterbenden hat. Welche Möglichkeiten einer palliativen Versorgung gibt es, die über die Therapiemöglichkeiten hinausgehen? Dazu müsste der Pflegeberuf attraktiver gestaltet werden – auch finanziell, um diese Berufe „von Grund auf neu zu denken“. 

Es fordert mehr Zeit, um auch schon früh eine palliative Beratung durchzuführen – auch für Ärzte. Das Nürnberger Hospiz-Team bietet schon jetzt regelmäßig entsprechende Fortbildungen für Hausärzte an, die Schwerkranke zu Hause oder in Pflegeheimen betreuen. Aber das ist nur ein Zusatzangebot.

Manchmal säßen Interessenten bei Alexander Kulla im Hospiz, „denen man ihre Krankheit noch nicht ansieht“. Dann sei eine Beratung zwar mental schwieriger, aber sie haben seine besondere Achtung, da sie sich schon früh mit dem Ausgang beschäftigen. Selbst wenn noch nicht alle Therapiemöglichkeiten ausgeschöpft sind, sei so ein Sicherheitsnetz für den Notfall geknüpft, dass auch durch Krisen trägt. 

Münch fordert nun, den „spezialisierten Einsatz von Palliative-Care-Fachkräften für die Versorgung sterbender Bewohner in die Regelfinanzierung“ zu überführen. Das geht über Schmerzbehandlung hinaus: Etwa bei einem krebskranken Familienvater und Alleinverdiener, der sich ängstigte, wie etwa seine Familie das Eigenheim halten kann. Und wie lässt sich bei Hochbetagten der Einsamkeit vorbeugen, wenn alle anderen gegangen sind?

Ungeklärte wichtige Angelegenheiten oder die Angst vor dem zunehmenden Verfall bedeuten oft ebenfalls großes Leid. Das sieht auch Kulla. Auch da müssten sich professionell Helfende entsprechend Zeit nehmen. Und dies nicht nur im Hospiz, auch wenn dort bessere Bedingungen und auch Finanzierungsmöglichkeiten als im Pflegeheim möglich sind. 

Allein schon in der Corona-Zeit sei die Einsamkeit bei manchen Pflegebedürftigen in Heimen schlimmer zu ertragen gewesen als die Angst vor der Krankheit, so Kulla. Im Hospiz konnten sie weniger strikt mit Besuchsregeln umgehen: „Es lässt sich nicht jeder Tod verhindern.“

22 Prozent aller Menschen versterben in Pflegeheimen – auch wenn sich die allermeisten wünschen, zuhause zu entschlafen. Sta-tistisch hat Münch ausgerechnet, dass in einem Heim auf hundert Senioren 30 Sterbefälle jährlich kommen. Er rechnet realistisch mit zehn bis 15 Jahren, bis sich eine erhöhte Zuwendung und die zeitintensive und lebendige Begleitung der Sterbenden „eingeschliffen“ hat. Bis dahin sollten sie „egoistischer“ werden, wie Kulla meint – oder wir für sie. 

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https://www.diakonie-erlangen.de/hospiz