Umbau „sicher und trittfest“

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Trotz notwendiger Renovierung weiterhin geöffnet: Das Dokumentationszentrum auf dem ehemaligen Reichstagsgelände in Nürnberg. Foto: bor
Trotz notwendiger Renovierung weiterhin geöffnet: Das Dokumentationszentrum auf dem ehemaligen Reichstagsgelände in Nürnberg. Foto: bor

Nürnberger Dokumentationszentrum renoviert und neu gestaltet

Die Geschichten rund um die Geschichte sollen einen breiteren Rahmen bekommen. Das wünscht sich Florian Dierl als Leiter des Nürn-berger Dokumentationszentrums Reichsparteitagsgelände. 

Was etwa können die Scherben einer zerbrochenen Vase erzählen? Schließlich wurden sie nicht entsorgt, sondern Jahrzehnte lang sorgfältig aufgehoben. Und sie sind jetzt schon in der Interims-Ausstellung zu sehen. Sie bleibt während der notwendigen Renovierungsarbeiten und des Umbaus der bisherigen Dauerausstellung weiterhin täglich in der großen Ausstellungshalle geöffnet. Zweisprachig auf Deutsch und Englisch bereitet sie in kompakter Form die wichtigsten Inhalte der Dokumentation mit Zeitzeugenaussagen und digitalen Elementen auf. Denn rund 40 Prozent der Besucherinnen und Besucher kommen aus dem Ausland, so Dierl.

Und viele Jugendliche, die etwa zu Klassenfahrten Nürnberg besuchen. Gerade für sie soll demnächst ein virtuelles Rollenspiel Fakten und Erlebnisse verknüpfen. Auch die zerbrochene Vase spielt da mit.

Der Kunst- und Medienpädagoge Sebastian Tröger hat es zusammen mit einem Team entwickelt, zu dem natürlich auch Historikerinnen und Historiker gehören. Eine erste Version soll noch im Oktober zur Verfügung stehen. Die Zielgruppe der Jugendlichen ab 14 Jahren – aber natürlich auch darüber hinaus, so Tröger – kann da verschiedenen Rollen bei Schlüsselszenen im Jahr 1934 folgen. Sie seien aus verschiedenen historischen Quellen zusammengesetzt. Aber auch nicht eindeutig in Schwarz oder Weiß gezeichnet, sondern in verschiedenen Facetten als Comic-Figuren nach heutigen Sehgewohnheiten gezeichnet. 

Da erscheint der SA-Mann auch als Familienvater, erfährt aber später die Sinnlosigkeit des Krieges. Ein etwa elfjähriger jüdischer Junge erlebt, wie ihn der SA-Mann auf die Schultern hebt, damit er ein Feuerwerk besser betrachten kann – schließlich gab es 1934 noch keinen Judenstern. Doch später sieht er ihn inmitten eines gewaltsamen Mobs vor der Synagoge wieder, den allerdings damals noch die Polizei stoppt – eine historische Szene aus der Zeit, erklärt Tröger das Konzept. Also durchaus gebrochene Gestalten. 

Damit sich die Jugendlichen nicht einfach mit ihnen identifizieren, beginnt jede Sequenz mit „Prologszenen“ in der Gegenwart – etwa beim virtuellen Betrachten alter Fotos oder Entdecken längst verschollener Briefsammlungen. So sollen sie trittsicher durch die Untiefen digitaler Inszenierung geführt werden.

Der Reichsparteitag im Jahr 1934 steht deshalb im Zentrum der digitalen Geschichten, da damals Leni Riefenstahl ihren Film „Triumpf des Willens“ über dieses Ereignis drehte. Ihre Propaganda-Perspektive steht im direkten Kontrast zu dem Erleben der virtuellen Personen, auf die die Menschenmassen auch bedrohlich wirken können oder den Blick versperren auf das „Wichtige“. 

Gegenstände aus der Ausstellung spielen in digitalisierter Form ebenfalls eine Rolle – etwa ein Volksempfänger oder eine alte Schreibmaschine. Natürlich ist es für heutige Jugendliche erklärungsbedürftig, was eine Tastatur ohne Bildschirm soll.

Da haben sich die Verstehens- und Aufnahmehorizonte gerade in den vergangenen zwei Jahrzehnten gewandelt. Seit 2001 befindet sich im Nordflügel der Kongresshalle das Dokumentationszentrum. Erst 50 Jahre nach dem Krieg stand der Entschluss fest, die Bauten als Mahnmal und Ausstellungsraum zu erhalten.  

Sie bröckeln nun deutlich vor sich hin, obwohl einst für die Ewigkeit gebaut. Doch schon wenige Jahrzehnte nach dem Ende des „Dritten Reiches“ nagt auch der Zahn der Zeit an den Gebäuden und besonders an der großen Zeppelin-Tribüne. Das weiträumige Areal sollte einst eine monumentale Kulisse für die Selbstinszenierung der Nazis bieten. Doch liegt die heutige Renovierungsbedürftigkeit auch darin, so Dierl, dass sie in den ersten Nachkriegsjahrzehnten, dem Verfall preisgegeben waren.  Es wurde versucht, die Zeppelinbühne zu sprengen. Danach wurde sie mit Bauschutt gefüllt. Diese Bauwerke müssen nun „sicher und trittfest“ gemacht werden. 85,1 Millionen Euro soll die Entwicklung des Geländes zu einem Lern- und Begegnungsort in den kommenden zehn Jahren kosten. Davon übernehmen Bund und Freistaat drei Viertel, den Rest die Stadt.

Die regionalen Bezüge zu Nürnberg sind Florian Dierl da wichtig. Und gleichzeitig gilt es die Zusammenhänge und Folgen der Gewaltherrschaft der Nazis im Blick zu behalten. Nach Kriegsbeginn waren Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter auf dem Gelände gefangen. Ihren Geschichten widmet sich auch schon die Interims-Ausstellung. 

Und der zerbrochenen Vase, die einer Nürnberger jüdischen Familie in der Reichspogromnacht zerstört wurde. So kann Identifikation und verantwortliches historisches Lernen geschehen.

=> Mehr unter: https://www.nuernberg.de/internet/menschenrechte/dokumentationszentrum.html