Suche nach längst verlorenen Paradiesen

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Slimani, Shalev; Zeh und ihre aktuellen Romane
Leila Slimani, Zeruya Shalev; Juli Zeh und ihre aktuellen Romane. Foto: Borée

In drei Romanen begeben sich Frauen auf den Weg zu unerreichbaren Sehnsuchtszielen

Auf der Suche nach längst verlorenen Paradiesen – das ist das beherrschende Thema von drei aktuellen Romanen. Frauen begeben sich auf den Weg zu Zielen, die längst untergegangen sind.

Leilas Slimanis „Land der anderen“

Mathilde macht in Leila Slimanis neuem Roman „Das Land der Anderen“ genau das, wovor uns unsere Eltern immer gewarnt haben. Sie heiratet einen marokkanischen Soldaten im Dienst der französischen Armee. Sie kehrt mit ihm ohne genaue Vorstellungen über Nordafrika aber intensivem Fernweh in seine Heimat zurück. Das geschah zwar schon am Ende des Zweiten Weltkrieges, doch sind die Zeitläufe da nur umso kärger. Sie bewirtschaften einen ererbten, aber abgelegenen Hof am Fuß des Atlas-Gebirges. 

Natürlich erscheint die Schwiegermutter nur streng verschleiert und die Schwägerin wird nach einem Ausbruchsversuch schleunigst zwangsverheiratet. Der Schwager ist im Widerstand gegen die damalige französische Kolonialregierung. Andererseits lehnt die französische Kolonialgesellschaft ihre grenzüberschreitende Ehe konsequent ab. 

Viel Schweigen ist in dem Buch: Nur ganz selten durchbricht ihr Mann seine Masken aus Eis und brodelnden Wutausbrüchen. Mathilde kämpft um Anerkennung. Als Heilerin wirkt sie ohne tatsächliche medizinische Kenntnisse. Aber sie versteht mehr von Hygiene und einfachen Verbänden als die Umgebung.

Nach dem Tod ihres Vaters kehrt Mathilde noch einmal in ihre alte Heimat zurück. Ihre Tochter befürchtet, dass sie nie mehr wiederkommt – und tatsächlich überlegt sich genau Mathilde dies. Aber sie erkennt: Die „alltäglichen Pflichten“ verbrennen überall das Leben. Ihre Schwester ergänzt: „Du hast eine Entscheidung getroffen. Nun steh auch dazu. Das Leben ist für alle hart, weißt du.“

Immer mehr wendet sich der Roman Mathildes älterer Tochter zu, ein verwildertes, aber hoch begabtes Energiebündel. In einer Nacht der Gewalt sieht sie noch im Grundschulalter ihre gewohnte Welt untergehen. Das wird spannend, wenn sie erwachsener wird! Die Fortsetzung ist allerdings erst in den kommenden Bänden versprochen. 

Zuflucht im Nirgendwo

Dora wiederum ist allein von Berlin ins Brandenburgische Nirgendwo gezogen. Dort hat die Werbefachfrau in Juli Zehs neuem Roman „Über Menschen“ kurz vor der Corona-Zeit mal ein riesiges heruntergekommenes Haus samt noch größerem verwilderten Garten gekauft. Wenigstens gibt es dort Internet für ihr Homeoffice und zum Ansehen vieler YouTube-Videos zur Gartengestaltung. Allerdings kaum öffentlichen Nahverkehr – und Dora hat nach dem Umzug kein Auto mehr. 

Schließlich braucht sie Abstand von ihrem etwas verbissen klimabesessenen Freund, dem die Corona-Apokalypse weiteren Aufwind für Rechthabereien gegeben hat. Nun verbirgt sich hinter der hohen Gartenmauer ein Nachbar mit rasiertem Kopf und rechten Sprüchen. Nicht weit entfernt ein schwules AfD-treues Paar. Die örtliche Pfarrerin ist die Frau vom Würstchenmann, taucht aber nur kurz aus dem Schatten auf. 

Viel weniger als im „Land der Anderen“ wird nachvollziehbar, wie Dora dort landen konnte. Warum hat sie sich ihr Sehnsuchtsziel nicht vorher genau angeschaut? Natürlich lässt sich die Vergangenheit ihres Hauses nur langsam entblättern: Es diente früher als Kindergarten – und beherbergt die Gräber alten Spielzeugs. So zieht es die Erinnerungen der Dorfbewohner, die keinen Absprung geschafft haben, und die Kinder magisch an. Aber die Wildnis im Garten und Nahverkehr waren doch beim Kauf offenbar?

Dora erscheint voll innerer Unruhe und gleichzeitiger Leere, die sich bald durch ihre coronabedingte Freistellung verstärkt. Ist die Welt erst durch die Pandemie so durcheinandergeraten? Nun lernt sie viel „über Menschen“ und ebenfalls von „Übermenschen“. Gehört wirklich der Nazi-Nachbar dazu? Oder eher Personen aus Doras Vergangenheit? Sie erlebt Menschen, die in kein Raster passen und ihr Leben massiv herausfordern. Und die Leser auch. 

Natürlich fesselt Zehs unmittelbare Sprache. Ein wenig trägt auch die eigene Erinnerung an das vergangene Jahr und Vergleiche zu Doras Erlebnissen. Aber reicht das? Genügt es, gängige Klischees umzudrehen, um sie zu hinterfragen?

Falschen Abzweig ins „Schicksal“ genommen

Die Sehnsucht nach einer unbeschwerten Vergangenheit steht im Zentrum von Zeruya Shalevs neuem Roman „Schicksal“: Die israelische Autorin verwebt die Leben zweier Frauen beklemmend miteinander: Atara (hebräisch für „Krone“), eine auf Denkmalschutz spezialisierte Architektin im mittleren Lebensalter, nimmt Kontakt zu der neunzigjährigen Rachel auf. Diese kämpfte  noch vor der Staatsgründung Israels in einer radikalen Untergrundbewegung gegen die Briten. Atara sucht eine Antwort auf die quälende Frage: Warum hat ihr Vater sie beim Sterben für Rachel gehalten?

Es zeigt sicht: Diese war seine erste Frau, die in Ataras Familie totgeschwiegen wurde. Der Vater war mit ihr vor 1948 im Untergrund aktiv. Damals überbrachten beide einer jungen Frau, ebenfalls mit Namen Atara, einen fehlgeleiteten Brief. Sie machte sich daraufhin auf den Weg und wurde in die Luft gesprengt. Weil der Vater diese gemeinsame, aber im Gegensatz zu sonstigen Untergrundaktivitäten unbeabsichtigte Schuld nicht ertragen konnte, verließ er Rachel. 

Sie wiederum leidet lebenslang darunter, dass keiner um die toten Kameraden trauert. Wie Atara hat sie zweimal geheiratet. Beide grübeln darüber nach, wie ihr Leben wohl bei anderen Entscheidungen verlaufen wäre.

Als Ataras zweiter Mann Alex plötzlich erkrankt, reagiert sie zu zögerlich. Alex stirbt und sie quält sich wieder mit Schuld- und Wutgefühlen. Ihr Sohn Eden dient bei einer israelischen Eliteeinheit, ist aber nun depressiv. Auf ihm lasten nicht nur gesellschaftlich zu hohe Erwartungen, sondern auch die Hoffnung, die Ehe der Eltern wieder in ein Paradies zu verwandeln. Er kam zu spät, als der Vater ihm kurz vor dem Tod eine Antwort auf eine Frage geben wollte, die der Sohn nicht gestellt hatte.

Alle quälen sich damit, den Momenten nachzuspüren, in denen sie noch einen anderen Weg hätten einschlagen können. Trotz des drückenden Inhalts verleiht Shalev dem Roman oft Situationskomik. Alle Lebensentwürfe, ob zionistisch oder säkular, militant oder friedensbewegt kommen an ihre Grenzen. An Eden kommt bald nur noch Rachels Sohn heran, der zum Leid der Mutter orthodox geworden ist. Obwohl seine chassidischen Geschichten als etwas naiv ironisiert werden, tragen sie noch am ehesten.

Zeruya Shalev: Schicksal, Piper-Verlag 2021, 24 Euro, 416 Seiten, ISBN 978-3-8270-1186-2.

Leila Slimani: Das Land der anderen, Luchterhand 2021, 384 Seiten, 22 Euro, ISBN 978-3-630-87646-7.

Juli Zeh: Über Menschen. Luchterhand 2021, 22 Euro, 416 Seiten, ISBN 978-3-630-87667-2.