Hier stand er – wo stehen wir?

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Inszenierung der Antwort Karls V. auf Martin Luther. Foto: Bertram (PR)
Inszenierung der Antwort Karls V. auf Martin Luther. Foto: Bertram (PR)

Landesausstellung inszeniert Luthers Auftritt auf dem Wormser Reichstag vor 500 Jahren

Luther tritt runter vom Podest. Offenbar sehr bewusst hat die aktuelle Landesausstellung in Worms einen Gegenpol zu dem berühmten Reformationsmonument nur wenige Gehminuten entfernt geschaffen. Zum 500-jährigen Jubiläum des Luther-Auftritts vor dem Reichstag zu Worms ist nun im Andreasstift die Ausstellung über das Gewissen und den Reformator zu sehen.

In dieser Reihenfolge. Denn Gewissensentscheidungen einst und jetzt stehen viel deutlicher im Mittelpunkt als eine historische Aufklärung über die Reformation.

Der bekannte Kirchenhistoriker Professor Thomas Kaufmann wies in seiner Festrede zur Ausstellungseröffnung darauf hin, dass ein „unheroischer, ja vielleicht gar ein anti-heroischer Zugang zu ‚Luther in Worms‘ die selbstverständliche Ausgangslage bildete. Das entspricht dem heute in Theologie und Geschichtswissenschaften weithin selbstverständlichen Umgang mit Bruder Martinus, dem zu lange Monumentalen, dem oft unerträglich Übermächtigen, dem quälend Unnahbaren.“

Luthers Auftritt in Worms als Multimedia-Schau

Viele Stimmen verlangen da in der Schau Aufmerksamkeit. Im größten ersten Raum des ehrwürdigen Stifts senden von allen Seiten verschiedene Stationen der Multimedia-Schau Signale. In dem alten Gebäude hallen die Tonspuren lange nach und verweben sich zu einem verwirrenden Klangteppich. 

Zwischendurch Fanfarenstöße und Glockengeläut – als wäre noch Reichstag. Nun gut, damals mag es ähnlich laut zugegangen sein – schließlich beherbergte Worms mit damals 7.000 Einwohnern mindestens doppelt so viele Teilnehmer am Reichstag – samt Gefolgschaften natürlich. Dies zumindest lässt sich hinterher noch erinnern.

Verschiedenste Schautafeln, Hörstationen oder Filme zeigen Mitstreiter und Gegner des Reformators in allen Facetten. Denn Luther war ja längst nicht allein. Alles ist in Blau-Violett gehalten – als würde allein diese einheitliche Farbe alle Stationen zusammenhalten. Zumindest beruhigt diese Farbe die Augen. In Endlos-Schleife läuft ein Film mit den verschiedensten Sequenzen, in denen Luthers Auftritt in Worms in alten und neuen Reformationsfilmen zu sehen ist. 

Schließlich hat ja sein Wormser Auftritt seinerzeit ein einmalig großes Medienecho ausgelöst. Dass eine Gewissensentscheidung vor 500 Jahren etwas anderes bedeutete als heute, das macht die Ausstellung deutlich. Das Gewissen war nicht persönlich geprägt, sondern beinhaltete Gehorsam und Furcht gegenüber der Obrigkeit. Da konnte sein Gegenüber, Kaiser Karl V., nicht verstehen, dass es auch im Gegensatz zu sämtlichen Mehrheitsverhältnissen – ja mehr noch: gegen alle Traditionen – stehen konnte. Für Luther war es nun an die Heilige Schrift und an Gott gebunden.

Kaum historische Zeugnisse

Ein „Schatzkästlein“, ein deutlich kleinerer und angenehmerer Raum präsentiert anschließend nicht mehr als eine Handvoll Zeugnisse aus
der Reformationszeit: Ein paar handschriftliche Briefe des Reforma-
tors, ein frühes Flugblatt mit dem Motto „Hier stehe ich, ich kann nicht anders.“ Es kam schon bald nach dem Reichstag in Umlauf, auch wenn Luther dies Schlusswort vor dem Kaiser wohl nicht gesagt hatte.

In einem dritten Teil thematisiert die Schau, die hoffentlich bis zum 30. Dezember geöffnet sein wird, dann das Thema „Gewissensfreiheit und Protest“ selbst. Bis in unsere Zeit zeigt sie weitere bedeutende Personen, die bis heute ihre Ideale mutig vertraten: Martin Luther King und Nelson Mandela, Olympe de Gouges oder Sophie Scholl. 

Und dann sind aktuelle Gewissensentscheidungen bei Dilemma-Entscheidungen dargestellt, die Vertrauen, Freundschaften oder Karriere betreffen. Gleich darauf dann die Themen Sterbehilfe und Künstliche Intelligenz als Beispiele auf ak-tuelle Gewissenskonflikte. Warum nicht der Klimawandel oder die Einwanderungsdebatte? Da scheint die Auswahl wohl beliebig gewesen zu sein. Aber so stehen sie vor den Betrachtenden – als könnten sie nicht anders.

Das Programm zur Schau und weitere Infos: https://www.luther-worms.de. Mehr zur Ausstellung unter https://museum-andreasstift.de oder telefonisch unter 06241/8534105. Geöffnet täglich außer montags von 10 bis 18 Uhr, Eintritt 9 Euro regulär. Katalog ist bislang nur vorbestellbar.