Vergebliches „Einen der Worte“?

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Tim Mackintosh-Smith: Arab. 3.000 Jahre arabische Geschichte

Kulturelle Einheit der Araber heißt mehr und gleichzeitig weniger als islamische Prägung

Am Anfang war das Wort – oder die Sprache. Klingt banal, solange wir dies nicht auf die arabische Welt übertragen. Denn am Anfang war doch dort die Religion, das Wirken Mohammeds? Formte nicht dieser Prophet aus einer Ansammlung an Beduinen innerhalb weniger Jahre eine Weltmacht?

Doch die Ausprägung arabischer Identität beginnt schon Jahrtausende vor dem Propheten Mohammed. Die ältesten Überlieferungen des Begriffes stammen von den Assyrern um 850 vor Christus. In ihren Texten tauchen die Beschreibungen „Arabi“ oder „Urbi“ für ein umherstreifendes Volk auf, das im Norden der Arabischen Halbinsel lebte. 

Somit dient das Wort zur Begriffstrennung der sesshaften Bevölkerung von Nomaden. Denn im Süden der Halbinsel siedelten Nabatäer oder Sabäer rund um die Oasen, trieben Handel und bauten gemeinschaftliche Bewässerungsanlagen. 

Überblick über 3.000-jährige Geschichte Arabiens

Dies ist Tim Mackintosh-Smith in seinem umfangreichen Werk „Arab“ wichtig. Bunt, aber auch manchmal etwas ausschweifend und äußerst detailliert schildert er knapp 3.000 Jahre arabischer Kulturgeschichte seit den Assyrern. Doch dann blitzen ungewohnte Perspektiven wie Edelsteine hervor. Da der Autor seit Jahren im jemenetischen Sanaa mitten im Bürgerkrieg lebt – wie er mehr als einmal betont, damit es nicht in Vergessenheit gerät – gewinnt diese Geschichte für ihn unmittelbare Gegenwart in dem Chaos dort.

Neben einer Fülle historischer Details führt dieser sprachliche Pfad bei ihm zu spannenden Zusammenhängen: „Graffiti“, kurze Mitteilungen in den Felsen am Wegesrand kamen schon vor der Zeitenwende in Mode. Mit Namen und Abstammung verewigten sich immer mehr Nomaden an markanten Wüstensteinen, bevor sie weiterzogen und ihre Pfade vom Sande überweht waren. Die Inschriften werden ausführlicher, berichten über Alltagsszenen oder erfolgreiche Raubzüge. Auch Vertreter verschiedener Stämme konnten so untereinander Nachrichten hinterlassen. 

Das Bemühen um das „Einen des Wortes“ zieht sich laut Mackintosh-Smith durch die ganze Geschichte von dieser Stein-Zeit bis zur Internet-Ära. Kriegerische Auseinandersetzung begannen oft mit einem Wettstreit waffenstarrender Gesänge, die die Gegner in Stimmung brachten und vergangener Heldentaten gedachten.

Grundlagen für den Koran

Auf diesen Grundlagen baute sogar der Koran auf. Die gemeinsame Sprache und dieses Werk schufen eine neue Identität. Er erschien als erstes eigenständiges arabisches Buch, und befeuerte die Welle der Expansion. Die ungewöhnliche Schwäche ihrer Gegner zur gleichen Zeit nutzten die Araber so. Bislang hatte die Halbinsel als Puffer zwischen den persischen Sassaniden, Äthiopien und dem oströmischen Reich gedient. 

Doch direkt nach dem Tod des Propheten schien sein Reich auseinander zu fallen. Allein die Aussicht auf reiche Beute und Tribute sowie autoritäre Anführer schworen sie wieder zusammen. Nur eine dünne Schicht der Eroberer blieb. 

„Die größte Kulturleistung von Arabern ist nicht die kurzlebige Einigung ihrer Stimme, sondern vielmehr ihre Zerstreuung“, so Tim Mackintosh-Smith. Vom Atlantik bis zum Hindukusch herrschte eine Sprache, die die Umayyaden fast hundert Jahre nach Mohammed zur Verwaltungssprache erhoben. 

Bereits um das Jahr 900 beginnt für Mackintosh-Smith die Zeit des „Niedergangs“ – obwohl die Islamische Welt hier ihre größte Ausdehnung erreichte. Doch „war die arabische Herrschaft nur noch eine bittersüße Erinnerung, während der nächsten tausend Jahre waren die Araber mit wenigen Ausnahmen untereinander zerstritten.“ 

Das arabische Reich zerfiel immer mehr in Bruchstücke. Berber regierten in Spanien, der Kurde Saladin wurde einer der größten Herrscher im Orient und trotzte den Kreuzfahrern. Türken und Mongolen rückten von Osten her vor. Auch wenn sie den Islam annahmen, waren sie alle doch keine Araber mehr. 

Dennoch brachen Araber noch einmal auf – als Händler und Seefahrer gen Osten in die Weiten des Indischen Ozeans bis nach Indonesien. Die Sindbads prägten Sprache und Kultur eines weiten Seereiches, bevor auch hier die Portugiesen und Niederländer kamen. 

Für das Morgenland bedeutet das Jahr 1517 ebenfalls eine Epochenwende: Der osmanische Sultan übernahm da als erster Nicht-Araber den Titel eines Kalifen und Verteidigers der Heiligen Stätten. 

Probleme mit gedruckten Worten auf Arabisch

Das Reich des gedruckten Wortes ging für die nächsten Jahrhunderte an der arabischen Sprache vorbei. Die Kopisten betonten die Heiligkeit handgeschriebener Texte. Doch das Grundproblem lag woanders, so Tim Mackintosh-Smith: „Kursivschrift und bewegliche Lettern sind miteinander unvereinbar“ – zumal mit punktierten Vokalzeichen, die diese in unterschiedlichen Formen begleiten. Erst die Lithografie – der Druck mit einer ganzen Platte – verringerte das Problem. Doch wurde dies erst 1798 erfunden. Da eroberte Napoleon gerade Ägypten. Rundfunk, Filme und schließlich die elektronische Textverarbeitung fast 200 Jahre später beseitigten es.

Im 19. Jahrhundert öffnete sich etwa Ägypten nicht nur durch den Suez-Kanal für Europa. Auch hier ist für den Autor nicht das Grundproblem der europäische Kolonialismus, ihr großes (Doppel-)Spiel um die arabische Welt, sondern die arabische Sprache. Das Standard-Arabisch stammt aus dem Mittelalter – was tun mit den Vokabeln für allerlei Erfindungen seitdem? In jeder Region der arabischen Welt gab es bald unterschiedliche Bezeichnungen dafür – oft als Lehnwörter aus verschiedenen europäischen Sprachen. Das „Einen des Wortes“ trieben vielfach christlich-levantinische Denker und Schreiber voran. Ein neues Nationalgefühl entstand. 

Die Arabische Halbinsel drehte „die Sanduhr“ zurück. Wahhabiten verwarfen sämtliche Neuerungen wie muslimische Heiligenverehrungen – aber auch Reformen. Nicht gerade hilfreich für die weitere Entwicklung, dass gerade sie auf dem Öl saßen. Nicht nur dort verhinderten genügend arabische „Fliehkräfte“ langfristige Einheitsbestrebungen. Autokraten, Stammeskämpfe und nicht zuletzt ziemlich kopflose abendländische Interventionen. Dann der arabische „Frühling, dem kein Sommer folgt“ vor zehn Jahren. 

„Ein altes arabisches Sprichwort besagt, dass die Menschen dem Zeitalter, in dem sie leben, mehr ähneln als ihrem Vater. Doch viele Menschen wollen ihrem Vater ähneln. Das Ergebnis ist eine zeitliche Verschiebung: Sie halten an einer ewig gegenwärtigen Vergangenheit fest“, schließt Mackintosh-Smith. Wie lange noch?

Tim Mackintosh-Smith: Arab. 3.000 Jahre arabische Geschichte. 688 Seiten mit umfangreichen Register. wbg Theiss-Verlag 2021, 49,– Euro, ISBN 978-3-8062-4175-4.