Themen meines Lebens

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Andacht im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern

Andacht im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern über den Aufbruch des Jona

Das Wort des Herrn kam zu Jona, dem Sohn des Amittai: „Auf! Geh nach Ninive, in die große Stadt…“  Da machte sich Jona auf den Weg, aber genau in die andere Richtung.

Jona 1, 1–3 

San Francisco vor ein paar Jahren, ein bewölkter Morgen. Sara, 46, geht in die Kirche in ihrer Straße, isst ein Stück Brot, trinkt einen Schluck Wein. Ganz normal am Sonntag für Millionen von Menschen. Außer, dass sie bisher ein völlig säkulares Leben geführt hat. Religion? War ihr eher gleichgültig – außer sie hat sich über Fundamentalisten geärgert. Und dann – ihr erstes Abendmahl. Ungeplant, unvorbereitet, nicht getauft. Sie ist überwältigt, schockiert, gerührt. Tiefe Sehnsucht erfüllt sich. Ihr gehen die Augen auf. Gott ist da. Wirklich. Christus, Brot des Lebens. Und was die Pfarrerin sagt: „Take this bread, nimm das Brot“, das wird ihr zum Lebensauftrag. Menschen zu essen geben und dabei den eigenen Hunger nach Gott spüren. 

„Take this bread“ ist der Buchtitel von Sara Miles Lebensgeschichte. Ihre Eltern sind Atheisten und lehnen Religion ab. Sara wird Journalistin. Sie wird Mutter von Katie. Und sie entdeckt, dass sie auf Frauen steht. Christentum und Religionen sind Sara und ihren Freundinnen suspekt, da gibt es viel zu hinterfragen, besonders als linke Journalistin, als lesbische Frau und als Mutter einer Tochter. Und dann kommt dieser Moment: Sara geht in die Kirche, empfängt das Abendmahl, und spürt: Ich bin Gott begegnet. Und das verändert ihr Leben. Sie wird Christin und interessiert sich für die Bibel, für Jesus und was das Evangelium mit uns heute zu tun hat. Und sie entdeckt ihre Lebensberufung: Sie, die begeisterte Köchin, die früher mal in der Gastronomie gearbeitet hat, gründet eine bis heute erfolgreiche food pantry, eine Tafel für Bedürftige.

Im Rückblick erkennt sie: Es gab immer wieder Momente, in denen sie etwas ganz Eigenes, Verrücktes, etwas Heiliges gespürt hat: Die Nacht, in der sie schwanger wurde, damals als Kriegsjournalistin mitten im Bürgerkrieg von El Salvador – da war so eine große Riesensehnsucht nach einem neuen Leben. Die Geburt ihrer Tochter Katie erlebt sie auch auf eine tief spirituelle Weise. Und ähnlich auch, als sie sich in ihre Frau Martha verliebt. Und da war der Pfarrer in El Salvador, der ihr Cookies gab, als sie Hunger hatte; und eine Bäuerin auf den Philippinen, die ihr einen Fisch schenkte. Kleine und große Momente eines Lebens, Spuren, die Gott schon hinterlassen hat, lange bevor Sara ihren Lebensauftrag entdeckt: „Take this bread“, Nimm das Brot und teile dein Brot mit den Hungrigen. Sara spürt: Ich musste all diese Wege gehen, um die zu werden, die ich bin. 

Was hat Saras Geschichte mit dem Buch Jona zu tun? Beide erzählen, wie jemand mit sich und mit Gott um die Berufung des eigenen Lebens ringt; wie jemand wird, wozu Gott sie und ihn berufen hat. Und ich komme ins Nachdenken über meine eigene Lebensgeschichte: Wozu hat Gott mich berufen? Welches „Wort des Herrn“ erging an mein Leben? Wie heißen meine geistlichen Lebensthemen, um die mein Leben kreist? 

Sich mit der eigenen Biographie beschäftigen ist etwas Hochspirituelles. Letztlich bin ich Gott auf der Spur, wenn ich mich mit meinem Leben beschäftige: Mit meinen Eltern, Großeltern, Lehrerinnen und Freunden, mit Lebensmenschen, Kindern, Paten- oder Pflegekindern, mit geistlichen Männern und Frauen, die mein Leben begleiten und prägen. Mit Situationen, in denen sich mir etwas erschlossen hat, wer ich bin, was ich für andere bin, was ich geben und empfangen kann … 

Wie lautet mein Lebensauftrag? Wie könnte der Titel für das Buch von meinem Leben heißen? Mich mit meiner Biographie beschäftigen heißt auch: Mich mit meinen Bildern von Gott beschäftigen. 

Florian Ihsen, München, Rundfunkpfarrer