Einen kulturellen Schatz heben

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Die Georgskirche in Kammerstein ist mit ihrem Kanzelalter eine typische Markgrafenkirche von 17 im Landkreis Roth. Foto: Helge Schnütgen
Die Georgskirche in Kammerstein ist mit ihrem Kanzelalter eine typische Markgrafenkirche von 17 im Landkreis Roth. Foto: Helge Schnütgen

Prospekt erklärt die Markgrafenkirchen im Landkreis Roth und will zu Besuchen anregen

Welchen großen kulturellen Schatz  die protestantischen Markgrafenkirchen darstellen, entdeckte Pfarrer i.R. Dr. Johannes Ammon bei einem Studientag der Volkshochschule. „Die Ansbacher Markgrafen errichteten in ihren Gebieten in der zweiten Hälfte des 17. und im 18. Jahrhundert eine stattliche Anzahl evangelischer Gotteshäuser entweder neu oder gestalteten sie unter Verwendung vorhandener Bausubstanz um. Diese Kirchen bieten, manchmal hinter eher schlichten Fassaden, großartige, im Stil des protestantischen Barocks gestaltete Innenräume“, verrät nun ein neu herausgebrachter Führer zu Markgrafenkirchen im Landkreis Roth. 

Ammon war vor seiner Pensionierung am Religionspädagogischen Zentrum Heilsbronn tätig. Nun im Ruhestand ist er wohnhaft in Hilpoltstein im Landkreis Roth und dem Dekanatsbezirk Schwabach. Er wurde über einen Zeitungsartikel  in der Tageszeitung neugierig auf die Kirchen im Markgrafenstil in seiner jetzigen Heimat und besuchte den Studientag, „der ausgebucht war“, berichtet Ammon über die große Nachfrage zu diesem Thema. Das Interesse war so groß, dass in Folge eine – ebenfalls ausgebuchte – Exkursion zu den Markgrafenkirchen im Kirchenkreis Bayreuth stattfand. 

Führung zu den Markgrafenkirchen

Im Kirchenkreis Bayreuth wird der Schatz seit Jahren entdeckt und gehoben, den die Markgrafenkirchen darstellen: Eine eigene Projekt-Stelle wurde geschaffen und ein Verein zur Erforschung, Erhalt und Förderung des touristischen Potentials dieser Kirchen wurde gegründet. Das Projekt wird kirchlicherseits mit Internetseiten und Öffentlichkeitsarbeit gestützt. In den anderen Kirchenkreisen in denen es Markgrafenkirchen gibt, Nürnberg und Ansbach-Würzburg, gibt es all das noch nicht. „Es wurde uns Teilnehmenden klar, dass diese kunst- und theologiegeschichtlichen Schätze im Ansbacher Raum im Schatten liegen und sie ein Stückweit besser in die Öffentlichkeit gerückt werden sollten“, sagt Ammon. 

Aus dieser Erkenntnis heraus wurde als dritter Schritt ein Faltblatt über
die Markgrafenkirchen im Landkreis Roth entwickelt. Hier hat sich nicht die Kirche, sondern das Landratsamt im Landkreis Roth den Markgrafenkirchen angenommen und den Prospekt mit Karte herausgebracht. So kann nun jeder Interessierte für sich die 17 Kirchen aus dieser besonderen Epoche des fränkischen Kirchenbaus im Landkreis aufsuchen. Das Faltblatt bietet nicht nur eine Karte und eine Kurzbeschreibung der Markgrafenkirchen im Landkreis Roth, sondern auch eine Einführung in die Materie. Johannes Ammon begleitet eine Arbeitsgruppe zu dem Projekt.

Architektur als Theologie

Was zeichnet eine Markgrafenkirche als solche aus? „Grundsätzlich sind die im wesentlichen im 18. Jahrhundert errichteten Kirchen eine in der damaligen Epoche abgeschlossenen Form“, sagt Ammon. „Davor und danach gab es diese Kirchen nicht. Sie sind etwas kunsthistorisch Besonders aber auch theologisch sehr Aussagekräftiges.“ 

Vor allem die Innenraumgestaltung zeichnet eine Markgrafenkirche als solche aus. „Die Verkündigung des Wortes tritt durch den Kanzelalter in besonderer Form heraus“, erklärt der Pfarrer. In vielen dieser Kirchen findet sich ein sogenannter Kanzelaltar: eine Komposition, bei der die Kanzel an zentraler Stelle in den Altaraufbau integriert ist, wie man aus dem Faltblatt erfahren kann. „Vor dem Altar ist oft der Taufstein platziert, wodurch es zu einem gestalterischen Dreiklang kommt. Dieser gibt die lutherische Theologie wieder, bei der die Predigt mit den beiden Sakramenten Taufe und Abendmahl gleichrangig ist“, erfährt der Interessierte bei der Lektüre des Blattes. 

Kennzeichen einer Markgrafenkirche

Gibt es auch andere Markenzeichen einer Markgrafenkirche? „Es gibt andere deutliche Kennzeichen, dass nämlich der Altarraum nicht von der Gemeinde weggerückt wird. Man hat Saalkirchen entwickelt. Sprich man hat den Pfarrer auch als Glied der Gemeinde in seinem Dienst architektonisch eingebaut“, so der Theologe.  In anderen theologischen Denk- und Bauformen, waren Gemeinde und Altarraum getrennt, es gab Treppen und viel Kirchenraum, die eine Distanz schufen. Der Pfarrer stand höher und sozusagen weit entrückt. „Hier in einer Markgrafenkirche ist es anders. Es ist etwas Gemeinsames, es ist eine Kirchengemeinde mit den verschiedenen Ämtern, von denen der Pfarrer nur eines ist“, weiß Johannes Ammon. 

Die Markgrafenkirchen sind angelegt an den Barock. „Aber im Ansbacher Fall sind sie an den französischen Barock angelehnt. Anders als die Bayreuther Markgrafenkirchen, die den italienischen Barock verfolgen“, weiß Ammon. Dieser französische Hofbarock erscheint nüchterner, höfischer, sachlicher. Er steht der calvinistischen-niederländischen Tradition näher. „Der italienische Barock ist verspielter und ergibt sich vielmehr in die Formen. Er ist lebendiger. Der französische Barock verfolgt eine gerade, der italienische geschwungene Linienführung. So kommt der Bayreuther Markgrafenstil weniger streng und näher an katholische Kirchen der Zeit daher, als die Ansbacher Variante.“  

„Unter den Architekten, die am Ansbacher Fürstenhof tätig waren, ragt Johann David Steingruber (1702–1787) heraus, der die Mehrzahl der Markgrafenkirchen im Landkreis Roth baute oder umgestaltete“, erfährt man im Faltblatt. Er wirkte mehr als 50 Jahre lang zunächst als „Stuccator“, später als „Designateur“. 1734 wurde er als Landbau-Inspektor Leiter der markgräflichen Baudeputation. Somit brachte er es vom einfachen Maurer zum Schloss- und Kirchenarchitekten.

Warum gibt es gleich soviele Markgrafenkirchen,  nämlich 17 Kirchen gerade im Landkreis Roth? „Das Markgrafentum Ansbach war ja für sich eine eigene Kirche. Der Markgraf war Kirchenoberhaupt. Im 17. Jahrhundert gab es durch den Dreißigjährigen Krieg große Verwüstungen.  Auch bei den Kirchen. Im 18. Jahrhundert gebot es die religiöse und auch wirtschaftliche Situation Mittel fließen zu lassen“, so Ammon.

Zum Ende des 18. Jahrhunderts fällt das Markgrafentum Ansbach an Preußen. Anfang des 19. Jahrhunderts geht es dann in das Königreich Bayern über. Die Ära der Markgrafenkirchen war vorüber. Heute sind die Markgrafenkirchen kirchlicherseits vor allem über die drei Kirchenkreise verteilt: Bayreuth, Nürnberg und Ansbach-Würzburg. Im Landkreis Roth verteilen sie sich über die Dekanate Schwabach und Weißenburg.

Hg. des Faltblattes: Landratsamt Roth, Kultur und Tourismus, Weinbergweg 1, 91154 Roth, Tel.: 09171/ 811329, tourismus@landratsamt-roth.de

Dort ist es auch zu bestellen.