Innerlich singe ich!

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Andacht im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern

Andacht im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern zum Sonntag Rogate

Als Jesus sich schon der Stelle näherte, wo der Weg vom Ölberg nach Jerusalem hinunterführt, brach die ganze Menge der Jünger in Jubel aus. Sie dankten Gott für die vielen Wunder, die sie miterlebt hatten. Laut sangen sie: „Gepriesen sei der König, der im Auftrag des Herrn kommt! Gott hat Frieden mit uns geschlossen. Lob und Ehre sei Gott hoch im Himmel!“ Empört riefen da einige Pharisäer aus der Menge: „Lehrer, verbiete das deinen Jüngern!“ Er antwortete ihnen: „Glaubt mir: Wenn sie schweigen, dann werden die Steine am Weg schreien.“

Lukas 19, 37–40

Schreiende Steine? Normalerweise schweigt ja kaum etwas so sehr wie ein Stein! Aber hier: Gottes Sohn zieht nach Jerusalem ein. Das ist ein Ereignis kosmischer Dimension. In wenigen Tagen wird er für die Schuld der ganzen Welt den Tod auf sich nehmen und Gott wird ihn zu neuem Leben erwecken. Wo die Schuld alles zerstört hatte, schafft Jesus Versöhnung und Frieden mit Gott. Wo vorher Hoffnungslosigkeit und Gottesferne herrschte, schafft Jesus eine ewige Zukunft in Gottes liebevoller Nähe. Jesus stößt die Tore weit auf und nun gilt: Jeder Mensch, der sein Vertrauen auf Christus setzt, erfährt Gottes Vergebung, seine Liebe, seine ewige Nähe.

Aus diesem Grund ist die Welle des Jubels mehr als berechtigt, die sich da auf Jerusalem zubewegt. Die vielen Begleiter Jesu erzählen sich gegenseitig die wunderbaren Dinge, die sie mit ihm erlebt haben: Die Auferweckung von Lazarus – ein Wunder, dass nur der Messias selbst tun kann. Dieser Rabbi, der Kranke heilt, böse Geister austreibt und nun sogar Tote auferweckt. Der Messias, auf den sie ihr ganzes Leben gewartet haben, er ist da! „Gott hat Frieden mit uns geschlossen. Lob und Ehre sei Gott hoch im Himmel!“

Jesus, der Sohn Gottes, wird seine Ehre bekommen, als Gott und Erlöser. Die Frage ist: Wird sich meine Stimme mit in dieses Lob mischen? Werde ich ihm die Ehre geben, die ihm zusteht? Oder stelle ich mich zu denen, die mit gerunzelter Stirn dastehen und sich ärgern, weil er so anders ist, als sie es wollen? Werde ich mich einreihen in die Jubelrufe, die Gott Gott sein lassen und anerkennen, dass ich ihn niemals ganz verstehen oder erkennen kann – oder verwerfe ich ihn, weil er nicht in meine Box passt?

Wenn ich ihn nicht lobe, werden es die anderen tun. Zur Not die Steine. Macht es also einen Unterschied, ob auch meine Stimme erklingt? Oh ja – es macht einen. Und zwar für mich. Denn ich möchte niemand sein, der wütend seine Lippen zusammenpresst, innerlich hart und bitter wird und dann das Ereignis seines Lebens verpasst. Immer wieder neu möchte ich Gott vertrauen, auch dann, wenn ich ihn nicht verstehe. Ich will Gott danken und dieses wunderbare Geschenk der Erlösung aus seinen guten Händen staunend annehmen.

Kantate, singt, ist der Name dieses Sonntags. Aus Rücksicht singen wir nicht im Gottesdienst. Wohl aber will ich mich innerlich einreihen in den Lobgesang der Schöpfung, seines Volkes, seiner Kirche. 

Pfarrer Markus Hansen, Lichtenberg