Die Güte einüben

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Andacht im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern

Andacht im Evangelischen Sonntagsblatt über Gottes Güte und Liebe:

So ahmt nun Gott nach als geliebte Kinder und wandelt in der Liebe, wie auch Christus uns geliebt hat und hat sich selbst für uns gegeben als Gabe und Opfer, Gott zu einem lieblichen Geruch. Denn ihr wart früher Finsternis; nun aber seid ihr Licht in dem Herrn. Wandelt als Kinder des Lichts; die Frucht des Lichts ist lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit.

Epheser 5, 1–2 und 8–9

Könnte doch das Gute und das Lichte einfach genauso ansteckend sein wie das Bedrückende und das Dunkle! Ansteckend wie ein Virus: Sich ausbreiten, hüpfend von Mensch zu Mensch, um den ganzen Erdball sich ausstreuend … Ich verliere mich ein wenig in dem Gedanken. Bis mir auffällt, dass ich unbewusst eine kleine Veränderung vorgenommen habe: „DAS Gute“ ist spätestens auf den zweiten Blick etwas Anderes als Güte. 

Das Gute: Darüber denken Philosophen nach. Oder große ethische Entwürfe. Oder Leitlinien – für´s große Ganze. Zugleich birgt es eine Gefahr: Weil „das Gute“ abstrakt bleibt, beginnt die Sehnsucht, es messbar zu machen. Leicht entstehen Laster- und Tugendkataloge; leicht ent-stehen Werkgerechtigkeiten. Dafür gibt es eine Fülle historischer Beispiele: Nicht nur in der vorreformatorischen Kirche, sondern auch in Kirchen und Abspaltungen, die aus der Reformation hervorgingen. Und genauso in völlig weltlich verfassten Gesellschaften: Plötzlich kann „das Gute“, nach ausgesprochenen oder unausgesprochenen Regeln bemessen und unbarmherzig werden. Dann ist zwischen großen Worten und engen Rastern die Güte verloren gegangen.

Das geht schnell, denn sie, die Güte, ist leise und flüchtet, wenn man sie fassen will. Sie lässt sich nicht durch Tugend- und Lasterkataloge vorschreiben, sondern viel besser in Erzählungen beschreiben. So, wie Jesus es in seinen Gleichnissen tut: Vom barmherzigen Samariter. Von den Arbeitern im Weinberg. Vom Feigenbaum. Vom verschwenderisch ausstreuenden Sämann. 

Lässt sich Güte auch einüben? Wohl nicht mit einer To-do-Liste guter Werke. Sondern auf dem scheinbaren Umweg geistlichen Innehaltens. Genau dazu ermutigt der Schreiber des Epheserbriefes. Was zunächst selbst wie ein Tugend- und vor allem Lasterkatalog wirkt, sucht – patriarchale Machtverhältnisse vor Augen – eigentlich nach der richtigen Haltung. Und ruft auch uns heute dafür in eine klassische reformatorische Übung. Nämlich die, uns auf unsere geistlichen Wurzeln zu besinnen. So wie die Frucht und ihre Wurzel bzw. ihr Stamm, oder wie Kinder und ihre Herkunft und ihr Erbe aufeinander verweisen. Nicht zur Besitzstandswahrung, sondern um zu wissen: Das ist das Holz, aus dem wir geschnitzt sind. 

Was ist nun das Holz, aus dem wir Christen geschnitzt sind? Im Bild gesprochen: Es ist das Holz des Kreu-zes Jesu, das uns zum Lebensbaum wird. Das heißt vor allem: Wir müssen uns nicht selbst retten. Und müssen nichts mehr für uns retten. Wir können in diesem Leben nichts verpassen, was nicht im zukünftigen Leben mannigfach geschenkt oder geheilt werden könnte. Darum braucht nicht Habsucht gegenüber Menschen und Gütern uns um-treiben. Stattdessen Dankbarkeit. Dankbarkeit, die Kummer nicht schönreden muss! Die aber den Blick wendet auf das, was mir Christus trotzdem und zum Himmel geschenkt hat. 

Letztlich ist es dieser geistliche Dank, aus dem die Güte fließt. Echte Güte ahmt die Bewegung Christi nach: Indem sie sich ohne Lärm, ohne „lose Rede“, ohne Leitsätze und (Selbst-)Marketing, dafür jedoch im Naheliegenden dem Nächsten schenkt. Und vielleicht doch ansteckend sein kann?

Pfarrerin Cornelia Meinhard, Georgensgmünd