Andacht: Der Tag Gottes kommt in der Nacht …

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Andacht im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern

Was die Zeiträume und Zeitpunkte betrifft, liebe Brüder und Schwestern, habt ihr nicht nötig, dass euch geschrieben wird. Denn ihr wisst selbst genau, dass der Tag Gottes wie ein Dieb in der Nacht kommt. Wenn sie sagen: „Friede und Sicherheit“, dann kommt plötzliches Verderben über sie wie die Wehen über die Schwangere, und sie können nicht entrinnen. Ihr aber, Schwestern und Brüder, lebt nicht in der Finsternis, so dass euch der Tag wie ein Dieb überfällt. Denn ihr seid alle Kinder des Lichtes und Kinder des Tages. Wir aber, die zum Tag gehören, wollen nüchtern sein, angetan mit dem Panzer des Glaubens und der Liebe und mit dem Helm der Hoffnung auf das Heil. 

Aus Thess. 5, 1–6  + 7–11

Es sind Bilder wie in einem Hollywoodfilm: Der Tag der Entscheidung kommt und die Helden müssen gerüstet sein, um dem Verderben nicht anheim zu fallen. Das Gute kämpft gegen das Böse. Als Jugendlicher habe ich mich an diesen Bibelversen abgemüht. Was ist, wenn Gott kommt und du bist nicht bereit? Immer wachsam sein, immer aufmerksam – wo lauert die Gefahr, wo will mich die Sünde verführen? 

Heute denke ich: Wenn ich nur um die Gefahren der Finsternis kreise, dann ist es nicht verwunderlich, wenn es in mir dunkel ist. Welche Ängste bestimmen dann mein Denken und Handeln und welch enge Vorstellung von Gott ist damit verbunden?

Paulus versucht der Gemeinde in Thessaloniki deutlich zu machen, dass wir den Tag Gottes nicht berechnen können. Eigentlich waren die Gemeindeglieder auf das baldige Kommen Gottes eingestellt. Diese Naherwartung hat sich nicht erfüllt. Paulus Zeilen sind eher eine Ermutigung zum Durchhalten. 

Und er zeichnet ein großartiges Bild von Christen. Was für ein Gegensatz zum Dieb in der Nacht! Ihr seid Kinder des Lichtes und Kinder des Tages. Mir kommen Menschen in den Sinn, die für mich Kinder des Lichtes sind. Menschen, die mir Mut machen, mein Leben bereichern und mir mit ihrer Liebe Kraft geben. 

Bin ich ein Kind des Lichtes? In diesen Coronazeiten bin ich eher verzagt und beschäftigt mit Alltagsfragen und -entscheidungen. Ich sorge mich um meine Liebsten und überlege, was ich zu deren Schutz beitragen kann. Als Lehrerin trage ich große Verantwortung und bin gleichzeitig von den Entscheidungen anderer abhängig. 

Da droht meine Welt innerlich zu schrumpfen und dunkel zu werden.Ihr seid Kinder des Lichtes und Kinder des Tages. Paulus beschreibt die Kinder des Lichtes noch weiter: sie zeichnet ihr Glaube, ihre Liebe und ihre Hoffnung aus. Darin ist die christliche Perspektive wunderbar beschrieben. Licht durchströmt alles und die Angst und Finsternis sind außen vor. Es tut mir unendlich gut, mich daran zu erinnern. Mein Glaube reicht über die Finsternis hinaus.Gottes Liebe durchbricht sie immer und immer wieder.

Siglinde Meyer, Religionspädagogin  + Mitglied der Dekanatssynode München