Ein Krieg trennt Geschwister

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Niederlage der Franzosen bei Sedan am 1. September 1870. Hier: Bayern kämpfen an der Seite Preußens.
Niederlage der Franzosen bei Sedan am 1. September 1870. Hier: Bayern kämpfen an der Seite Preußens. Foto: pa

Der Deutsch-Französische Krieg 1870/71 machte Nachbarn für Jahrzehnte zu Feinden

Der Deutsch-Französische Krieg 1870/71 hat Auswirkungen auf  die Geschichte Europas, letztlich der Welt, für nahezu ein Jahrhundert. Er bereitete erst den Boden für die beiden Weltkriege. Am 1. und 2. September 1870 erleidet Frankreich bei der Stadt Sedan die entscheidende Niederlage gegen die Preußen in einem Krieg, der am 19. Juli begonnen hatte. In der Folge einigen sich die deutschen Fürsten ein Deutsches Reich zu schaffen.

Im Sommer 1870 ziehen hunderttausende Deutsche und Franzosen in einen Krieg, der die Landkarte Europas verändern wird.“ So beginnt eine Dokumentation auf Arte, zu der auch ein Bildband erschienen ist „Der Bruderkrieg – Deutsche und Franzosen 1870/71“.  Die Autoren  vertreten die Auffassung, dass dieser Krieg zwei Brudervölker trennte. „Er sät eine Feindschaft für Generationen zwischen Deutschen und Franzosen und zerstört für lange Zeit die Vision einer  gemeinsamen Zukunft, von der bereits der Zeitgenosse Victor Hugo träumte: Es gibt zwischen den beiden Völkern eine innige Verbindung, sie sind aus den selben Wurzeln hervorgegangen. Sie sind Brüder in der Vergangenheit, Brüder in der Gegenwart, Brüder in der Zukunft.“

Aber Kaiser Napoleon III., ein Enkel Napoleon Bonapartes, glaubt an die Überlegenheit Frankreichs und seine Vormachtstellung in Europa. Als ein Hohenzollernprinz als Kandidat für den spanischen Thron ins Spiel gebracht wird, fordert er Preußen auf, die Kandidatur zurückzunehmen. Preußen beugt sich zunächst dem Druck. Napoleon überspannt allerdings den Bogen und fordert Preußens König Wilhelm I. auf, für immer auf Ansprüche auf Spanien zu verzichten. Der König befindet sich zu dieser Zeit im Kurbad Ems. Er schreibt an seinen Kanzler Otto von Bismarck eine Depesche, in der er die Lage schildert und ausdrückt, dass die Forderung Frankreichs eine Beleidigung darstelle. Bismarck verkürzt den Inhalt und veröffentlicht das als „Emser Depesche“ bekannt gewordene verdichtete Schreiben, was eine Provokation an Frankreich war.

Napoleon III. geht darauf ein. Er will das aufstrebende Preußen in die Schranken weisen und erklärt ihm am 19. Juli 1870 den Krieg. Man glaubt an die eigene Überlegenheit und einen schnellen Sieg. Den könnte der Kaiser innenpolitisch gebrauchen. Er unterschätzt dabei die Preußen erheblich. Zudem tritt in Deutschland der Bündnisfall ein und die deutschen Fürstentümer müssen Preußen im Kriegsfall beistehen. Zum sogenannten „Nordeutschen Bund“ stoßen nun Truppen Badens, Bayerns, Hessens und Württembergs. Sowohl die Taktik, als auch die Waffentechnik der Deutschen war denen der Franzosen überlegen. Als in Folge deutsche Truppen in Frankreich einmarschieren und erste Schlachten mit Bravour für sich entscheiden, ist in Paris das Entsetzen groß. 

Entscheidung bei Sedan

Als es am 1. und 2. September 1870 zur Entscheidungsschlacht bei Sedan kommt, bringen effiziente preußische Taktiken und die moderne Artillerie den Deutschen den Sieg. Man könnte es verkürzt so ausdrücken: Französische Kavallerie griff mit gezogenem Säbel an und wird von den überlegenen deutschen Geschützen in Stücke geschossen. Kaiser Napoleon III. kapituliert bedingungslos und wird mit seinen Truppen gefangen genommen. 75.000 französische Soldaten gehen samt Kaiser in deutsche Kriegsgefangenschaft

Doch in Paris nutzen Napoleons politische Gegner die Gunst der Stunde und erklären den Kaiser am 4. September für abgesetzt. Die republikanischen Abgeordneten übernehmen die Macht und formen eine neue Regierung. Sie erkennt die eigene Kapitulation nicht an. Die deutschen Friedensbedingungen werden als unannehmbar empfunden. Ein möglicher Frieden ist verspielt und der Krieg geht weiter. 

Doch dann kommt etwas für die Franzosen völlig Unvorstellbares: Zum ersten Mal in der neueren Geschichte steht am 19. September 1870 eine feindliche Armee vor den Toren der Stadt. Die Stadt soll ausgehungert werden. Die Franzosen mobilieren sämtliche Kräfte. Ende November wird versucht den deutschen Belagerungsring zu durchbrechen. Der Versuch scheitert. Nahrungsreserven, Holzvorräte und Frischwasser gehen in der Stadt zu neige. 30.000 Zivilisten sterben.

Im Januar 1871 haben die Deutschen schwere Geschütze herangeschafft und bombardieren die Stadt. Währenddessen wird in Versailles der preußische König Wilhelm I. zum deutschen Kaiser gekrönt und ein geeintes Deutsches Reich ausgerufen. Bismarck wird Reichskanzler. Die Erniedrigung der Franzosen wird durch diesen symbolischen Akt auf symbolgeladenem Ort schier unerträglich. An dem Ort, von wo aus französische Herrscher die Nation regiert haben, wird die Einheit der Deutschen besiegelt. 

Nach dem Sieg von Sedan hatte Bismarck Verhandlungen mit den süddeutschen Staaten über die Vereinigung aller deutschen Staaten aufgenommen. Hessen, Baden, Bayern und Württemberg waren nach langem Zögern an Preußens Seite in den Krieg gezogen. Die Empörung über Frankreich hatte eine national gefärbte Kriegsbegeisterung ausgelöst, so dass die Süddeutschen ihre Armeen schließlich dem preußischen Oberbefehl unterstellt hatten.  Aus einem Preußisch-Französischem Krieg war ein Deutsch-Französicher geworden. Der führte schließlich zur Reichsgründung. Am 29. Januar 1871 tritt ein Waffenstillstand in Kraft. Er enthält schwere Reparationsforderungen an Frankreich. Dazu kommt: Elsass-Lothringen muss an Deutschland abgetreten werden. Ein nationaler Schock für Frankreich.

Das Fazit der Autoren: Der 1870er Krieg war der erste moderne Krieg, bei dem fortschrittliche Waffentechnik und effektive Taktik den deutschen Sieg brachten. Dieser  ist jedoch mit hohen Verlusten teuer erkauft. Doch in Deutschland triumphiert der Stolz auf das gemeinsam erreichte. Deutschland fühlt sich erstmals als ein Volk.