Editorial. Langer Schatten des Krieges

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Editorial von Martin Ben-Baier, Chefredakteur des Evangelischen Sonntagsblattes aus Bayern

Sie sind nun 150 Jahre alt und dadurch recht stattlich. Und dennoch werden sie fast überall übersehen: Die Sedans-Eichen. Zugegeben, viele gibt es nicht mehr. Sägen und der Zahn der Zeit haben den meisten schon den Garaus gemacht. Doch ein paar gibt es noch auf unseren Dörfern. Aber kaum noch einer weiß, zu welchem Anlass sie gepflanzt wurden.

Das geschah anlässlich des Sieges der Deutschen über die Franzosen 1870 bei Sedan (Seite 3). Dieser Sieg, ja der ganze Krieg ist heute fast in Vergessenheit geraten. Zu Unrecht. Denn der deutsche Sieg hatte weitreichende Folgen für das Verhältnis von Deutschen und Franzosen für viele Jahrzehnte. Vom „Erbfeind“ war die Rede.

Es war ein Krieg, der zunächst aus politischen Gründen zwischen zwei Staaten begonnen wurde. Sowohl Frankreich als auch Preußen wollten ihre Vormacht in Europa ausbauen. Doch der Krieg uferte sehr schnell aus. Das Bild vom unbarmherzigen Deutschen, der keine Gnade kennt entsteht – nicht ohne Grund: Die französische Zivilbevölkerung wurde durch Requirerung von Lebensmitteln, aber auch durch direkten Beschuss der Städte und Orte Opfer des Krieges. Die Feindschaft und der Hass der beiden Völker wird in Folge verstärkt. Bis in die beiden Weltkriege hinein.

Durch den Krieg gelingt es auf der anderen Seite Reichskanzler Otto von Bismarck aus unzähligen Fürstentümern und kleinen Königreichen ein Deutsches Reich zu schaffen. Im Spiegelsaal von Versailles proklamieren am 18. Januar 1871 die deutschen Monarchen den preußischen König Wilhelm I. zum Kaiser. 

Formal ist das Reich ein Bundesstaat. Tatsächlich ist das preußische Übergewicht darin beträchtlich. Berlin wird – nicht zuletzt durch französische Reparationszahlungen – zur Weltstadt. Die Siegessäule in Berlin wird zur Erinnerung an dieses Ereignis errichtet; unweit davon kommt Bismarck mit einem Denkmal zu Ehren (Bild Seite 1). In fast jedem Ort werden zudem aus Stolz über den Sieg und die Freude an der Einheit Sedans-Eichen gepflanzt. 

Nach 150 Jahren wissen wir, der Sieg war kein Grund zur Freude. Er war der Beginn einer Leidensgeschichte zwischen den Nachbarstaaten. Das ist gottseidank überwunden. Nach dem 2. Weltkrieg fanden die Nachbarn langsam wieder zueinander. Und heutzutage sind viele von den damals gepflanzten Bäumen umbenannt: Friedens-Eichen. Wie treffend!