Schreiben als Kraftquelle

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Erik Ude gewinnt bundesweiten Literaturwettbewerb der Wortfinder
Erik Ude, hier mit Lisa Strixner, gewinnt bundesweiten Literaturwettbewerb der Wortfinder. Foto: Borée

Erik Ude gewinnt bundesweiten Literaturwettbewerb für Menschen mit Behinderung

Pappenheim. „Ich hatte den Text sofort, hatte ihn im Kopf und dann gleich aufgeschrieben.“ So beschreibt Erik Ude die Entstehung seines preisgekrönten Gedichts. Der 59-jährige Autor wohnt seit drei Jahren im Haus Altmühltal der Rummelsberger Diakonie in Pappenheim. Schon seit seiner Kindheit schreibt er gerne – am liebsten prägnante Nacherzählungen von Märchen. Viele dicke Schreibhefte hat er bereits damit gefüllt. 

Daneben arbeitet er aber immer auch an Gedichten. Er schreibt sie in seiner faszinierenden, fast künstlerischen Handschrift auf. Die einzelnen Buchstaben sind klar gestaltet, die Worte und Sätze gehen ineinander über. Auch sein ausgezeichnetes Gedicht „Tag für Tag“ entstand so. Im bundesweiten Literaturwettbewerb 2020 hat es der Bielefelder Verein „Die Wortfinder e. V.“ für seinen Kalender ausgewählt. Rund 500 Einsendungen kamen zusammen. Davon wählten die „Wortfinder“ 150 Werke aus, die sie auf den Kalenderblättern des Jahres 2021 abdrucken. Sabine Feldwieser von den „Wortfindern“ verrät vorab: „Da das Gedicht von Herrn Ude das Jahr so schön zusammenfasst, haben wir allein für seinen Beitrag die letzte Jahreswoche reserviert.“ Die Preisträger stellen sich auf Extraseiten kurz vor.

Erik Ude stammt aus Nürnberg. Seine Eltern waren dort Schauspieler an den Städtischen Bühnen. Seine um fast sieben Jahre jüngere Schwester Kristin lebt noch dort. Mit ihr besteht eine enge Verbindung. Die Geschwister besuchen sich regelmäßig – auch wenn dies jetzt durch die Corona-Zeit unterbrochen werden musste. Sie telefonieren oft und schreiben sich.

Das Schreiben faszinierte Erik Ude bereits als Kind. Damals „habe ich in der Schule viele Diktate und Aufsätze geschrieben und abgegeben. Das war schön.“ 

Allerdings fiel schon in der 1. Klasse auf, dass er anders war als andere Kinder: nicht nur ordnungsliebender als sie. Nein, er spielte auch am liebsten alleine und lebte zunehmend in seiner Fantasiewelt. Der Unterricht forderte ihn sehr. Untersuchungen setzten ein. Bald kam er an eine Heilpädagogische Privatschule.

Eine Auszubildende im Haus Altmühltal hat sich intensiv mit ihm und offenbar auch seiner Schwester zusammengesetzt sowie alte Entwicklungsberichte gelesen. So kam eine umfangreiche Lebensbeschreibung zusammen, in der sich Erik Ude vorstellt: Gegen Ende der Schulzeit interessierte ihn zunehmend die Landwirtschaft. 1976 kam er in die Heimstätte „Sonnenhof“ bei Coburg. Dort arbeitete er in der Gärtnerei und Landwirtschaft mit. 

Anfang 2017 zog Erik Ude dann nach Pappenheim um. Er engagiert sich nun dort in der Seniorentagesstätte, „wo ich den Tisch decke und viel helfe“, wie er heute erzählt. Dort traf er Anna Lutz. Sie machte schon 2015 einen Bundesfreiwilligendienst im Haus Altmühltal. Danach studierte die Treuchtlingerin Sozialpädagogik in Eichstätt. Nun leitet sie die Mittagsbetreuung an einer Münchner Schule. 

Doch ihrer alten Heimat blieb sie verbunden. Dort engagiert sie sich seit ihrem Freiwilligendienst als Ehrenamtliche bei der Offenen Behindertenarbeit. Die 26-Jährige trifft sich immer noch regelmäßig wöchentlich mit Erik Ude. Während des Lockdowns konnte sie sogar häufiger kommen, da ihre Schule geschlossen war.

„Mir macht es Spaß und Erik ist es sehr wichtig, dass er jede Woche einen Text schreiben kann“, berichtet Anna Lutz. „Mit Dingen, die in unserem normalen Alltag als selbstverständlich angesehen werden, kann man hier Leute zum Strahlen bringen“, fährt sie fort. 

Udes Potential entdeckte wiederum Lisa Strixner, die sich in der Offenen Behindertenarbeit um Beschäftigungen für die Menschen im Haus Altmühltal kümmert. Sie fragte bei der Ehrenamtlichen Anna Lutz an, „ob ich Lust hätte mich mit Erik intensiver auseinander zu setzen, um seine Kreativität zu fördern und ihn zu unterstützen“. So nahm er in diesem Jahr zum ersten Mal an dem Wettbewerb teil.

Seine Inspirationen holt sich der 59-Jährige bei den gemeinsamen Spaziergängen mit Anna Lutz durch den Wald oder durch Pappenheim. Auch die Treuchtlinger Burg haben sie schon besucht, wie er sich erinnert. Dann zieht er sich mit seinem Schreibbuch in eine ruhige Umgebung zurück. Auch der große park-ähnliche Garten mit den alten Bäumen rund um das Haus Altmühltal bringt Inspiration. Denn die ehemalige Lungenheilanstalt ist schon rund hundert Jahre alt. In den  1970er Jahren übernahmen die Rummelsberger das Haus und bauten es um. „Beim Schreiben trinke ich gerne eine Tasse schwarzen Kaffee“, erzählt Erik Ude. Dann könne er sich besser konzentrieren.

Ein geordneter Tagesablauf und ein eigenes Zimmer, in das er sich zurückziehen kann, sind ihm schon sein ganzes Leben lang wichtig. Eine Kraftquelle bedeutet es für ihn, umfangreiche Karl-May-Romane oder Märchen zu lesen. Und das Schreiben. Daneben interessiert er sich  schon seit seiner Jugendzeit für Theater- und Konzertbesuche. 

Lisa Strixner vermittelte auch den Kontakt zu den „Wortfindern“, von denen sie oft schon angeschrieben wurde. Da hat sie „schon länger mit dem Gedanken gespielt, dass Erik auf jeden Fall ein Kandidat dafür wäre.“ Und so war es: Mitte Juli haben sie erfahren, dass er erfolgreich war. Die Freude war groß. Einen Ehrenplatz in seinem Zimmer im Haus Altmühltal hat Erik Ude für seinen Erfolg schnell gefunden: „Der Kalender soll rechts neben dem Schrank über meinem Bett hängen.“

Ansonsten wünscht er sich in den kommenden Wochen: „Ich möchte, dass diese Krankheit bald aufhört, dass sich die Menschen nicht mehr so anstecken. Es ist nicht schön und ziemlich langweilig. Ich möchte meine Schwester wieder besuchen und meinen 60. Geburtstag im Oktober bei ihr mit Freunden der Familie feiern.“ Susanne Borée

Der literarische Wandkalender 2021 erscheint Mitte September. Bei Interesse ist der Kalender per E-Mail unter diewortfinder@t-online.de oder unter Tel. 0521/560 950 30 ab sofort für 17 Euro plus Versand vorbestellbar.