Segensspur hinterlassen

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Editorial Inge Wollschläger im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern

„Und dann hat mein Mann mir bestimmt damals eine Segensspur hinterlassen!“ 

„Eine was?“, frage ich nach. 

„Eine Segensspur!“ Die rüstige Seniorin spricht langsam und betont jede Silbe. 

Wir sitzen in ihrem gemütlichen Wohnzimmer unter der Dachschräge. Die Rollos sind gegen die Hitze herabgezogen, hinter mir tickt eine Wanduhr leise vor sich hin. Ich wurde von ihr eingeladen, denn sie hätte ein schönes Buch, welches sie mir mitgeben wollte. 

Bald wird sie ihren 90. Geburtstag feiern. Sie möchte dieses und jenes noch geordnet wissen. Lieblingsbücher sollen nicht später einfach nur entsorgt werden – nein: sie möchte sie in „guten Händen“ wissen. Nebenbei erzählt sie mir von ihrem Leben und all dem, was ihr Leben so ausgemacht hat. Und da horche ich auf. 

Vor allem ihr Glaube, den sie mit ihrem Mann lebte. Gemeinsam waren sie beim CVJM, in Münchsteinach und auf der Hensoltshöhe. Überall packten sie mit an.  Immer war ihr Zuhause offen für Hauskreise und viele, viele Besuche. 

„Durch meinen Mann habe ich zu so einem festen Glauben gefunden“, erzählt sie und ihre Augen leuchten in der Erinnerung. „Und jetzt spüre ich den Segen, der über all dem lag. Sie glauben gar nicht, wie viel Anrufe ich in dieser Coronazeit bekommen habe. Wer mir alles schreibt in dieser Zeit! Wie viele Menschen von Nah und Fern an mich denken und mir Gutes tun.“ 

Sie holte einen riesigen Packen Briefkuverts hervor: „Das ist die Segensspur! Das ist der Segen, den mein Mann hinterlassen hat.“ 

Wie schön und tröstlich dieser Gedanke ist, spüre ich mit jedem Wort. Wie gut aufgehoben sie sich fühlt in dieser Anteilnahme, die über viele Jahre – auch im christlichen Glauben – gewachsen ist.

Im aaronitischen Segen heißt es: „Der Herr segne dich und behüte dich; der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig; der Herr hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden“ (4. Mose 6, 24–26).

All das wird gerade „greifbar“ für die betagte Dame. Getragen von der früheren Liebe ihres Mannes und der ewigen Liebe Gottes. 

Wie schön das ist, wenn man sich zum Segen wurde und Segen einen durch das ganze Leben trägt. Egal wie einsam oder stürmisch es auch sein man.