Editorial: Austausch statt Ratgeber

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Inge Wollschläger, Evangelisches Sonntagsblatt aus Bayern
Inge Wollschläger, Mitglied der Redaktionskonferenz im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern, Hintergrundbild von Erich Kraus.

Wir sitzen um den gedeckten Kaffeetisch und plaudern. Acht ältere Damen und ich quatschen, und kichern um die Wette. Vom Alter her könnten sie meine Mütter sein – was sie mir auch hin und wieder unter die Nase reiben. Aber in Wirklichkeit ist es natürlich nicht wichtig.

Was hingegen wichtig ist, sind die regelmäßigen Treffen des Frauenkreises, den ich seit einiger Zeit leite. Hier finden sie – so erzählen sie mir – Ruhe und Zeit für sich. Hier hoffen sie auf nette Gespräche jenseits von Haus und Hof, auf Impulse, die sie mitnehmen können und natürlich auf amüsante Stunden, von denen sie hoffentlich lange zehren können.

Einige sind krank, bei anderen ist der Gatte „nicht mehr ganz beieinander“. Manche leben alleine und genießen es. Bei einer anderen ist das erwachsene Kind wieder ins Haus gezogen, was durchaus zu Irritaionen führen kann.

Das alles erzählen sie sich und natürlich auch mir: Neben dem offiziellen Programm ist immer noch viel Zeit für ein persönliches Gespräch. Es herrscht dabei eine Offenheit und Freundlich-
keit, dass ich mir – die sehr viel Jüngere – eine große Scheibe davon abschneiden möchte: Schwangerschaft und Geburt, Glaube und die Kunst des Kuchenbackens, Tod und Verlust: mittlerweile haben wir über viele Lebensumstände gesprochen.

Ich bekomme bei manchen Themen Ohren, so groß wie Rhabarberblätter. Viele der Themen sind mir nicht fremd. Etliche hingegen habe ich selbst noch nicht durchlebt. Und so höre ich zu, wie diese Frauen ihre Lebensgeschichten erlebt haben: Wie gehen sie mit Krankheiten um? Wie haben sie ihre Freundschaften über Jahrzehnte erhalten? Mit welchen Lebenssätzen zogen sie ihre Kinder auf und welche Glaubenssätze haben sich über die Zeit als wahr herausgestellt?
In vielen Situationen waren sie auf sich alleine gestellt und mussten ihren eigenen Weg finden. Zeit, wie es heute üblich ist, mit einem Ratgeberbuch zu verbringen und sich vorab zu informieren, gab es meist nicht.

Der Nachmittag endet mit einem „Vater Unser“. Das ist wichtig für sie, das wünschen sie sich immer zum Abschluss. Und auch das lerne ich von ihnen: wie der Glaube durch ein ganzes Leben trägt. Wie die alten Worte immer wieder neu, immer wieder tröstend sein können.