Gottes Wohngemeinschaft schließt alle ein!

88
Andacht im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern

Andacht im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern zum Zusammenleben verschiedener Christen

Jetzt aber in Christus Jesus seid ihr, die ihr einst fern wart, nahe geworden durch das Blut Christi. Er hat das Gesetz, das in Gebote gefasst war, abgetan, damit er in sich selber aus den zweien einen neuen Menschen schaffe und Frieden mache und die beiden versöhne mit Gott in einem Leib durch das Kreuz. Und er ist gekommen und hat im Evangelium Frieden verkündigt euch, die ihr fern wart, und Frieden denen, die nahe waren. So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen, da Jesus Christus der Eckstein ist. Durch ihn werdet auch ihr mit erbaut zu einer Wohnung Gottes im Geist.

aus Epheser 2, 11–22

Fühlt euch wie zu Hause – aber benehmt euch nicht so!“ Mit diesem etwas ironisch gemeinten Satz hat mein Vater oft Gäste bei uns daheim begrüßt. Wer sich wie zu Hause fühlt, fühlt sich wohl. Wer sich aber wie zu Hause benimmt, der achtet nicht zuerst auf Benimmregeln und das Bild, das andere von ihm haben. Daheim laufe ich in bequemen Klamotten rum, ungeschminkt und unrasiert, höre Musik, die mir gefällt, und laufe auch mal singend oder tänzelnd herum, wie ich es auf der Straße nicht machen würde. 

Bei Gott sind wir nicht Gäste, die sich zwar wie zu Hause fühlen dürfen, aber ja nicht daneben benehmen sollen. Wir sind Hausgenossen, Mitbewohnerinnen! Wir sind bei Gott daheim und dürfen uns auch so benehmen. Jesus Christus selbst ist dabei der Türöffner, der Menschen in ihrer Unterschiedlichkeit in Gottes Haus wohnen lässt. Eine göttliche Wohngemeinschaft also! Ich finde das ein schönes Bild. 

In einer Wohngemeinschaft gibt es natürlich auch ab und zu Streit. Wenn jemand sein Geschirr nicht abspült oder der andere wiedermal zu laut Musik hört. Dann muss nach Kompromissen und gemeinsamen Lösungen gesucht werden. 

Damals in Ephesus war das auch so. Die Antwort des Briefes wurde auch durch ihre unterschiedlichen Ansichten, Gewohnheiten und Lebensentscheidungen herausgefordert. Jüdische und nicht-jüdische Menschen kommen in der christlichen Gemeinde zusammen. Durch Jesus ist das Trennende der Gebote überwunden und nicht-jüdische Menschen haben Zugang zur Tradition Israels. Die neue, vielfältige Gemeinde, bekommt ein neues Fundament. Sie soll ihre Vielfalt zum Aufbau eines Hauses nutzen. Für mich heißt das, nicht auf dem Sofa liegen zu bleiben, sondern unsere göttliche WG immer schöner zu machen. Dass wir aufeinander hören und unsere vielen Begabungen und Lebenserfahrungen zur Bereicherung des Miteinanders einsetzen. 

Das bedeutet auch, dass wir immer wieder Trennungen überwinden: Wo Menschen gesagt wird, dass sie nicht dazugehören dürfen, weil sie nicht die richtige Kleidung anhaben oder nicht gut und schön genug sprechen, sollen wir zu Türöffner und Türöffnerinnen werden, die gegen Rassismus, Queerfeindlichkeit und Armenverachtung ihre Stimme erheben. In Gottes Haus daheim, so will ich mich fühlen und auch leben. Und dazu beitragen, dass sich alle wie zu Hause fühlen. 

Bernhard Offenberger, Pfarrer in Augsburg