Liebe ist möglich

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Andacht im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern

Andacht im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern zum Gleichnis von den bösen Weingärtnern

Ich bin auf dem Weg in die Grundschule. Mein Korb ist schwer, denn ich habe viel Material dabei. Ich möchte den Kindern den Glauben näherbringen und an ihre Lebenswelt herankommen – dafür habe ich einst viel gelernt und viel Erfahrung gesammelt.

Jesus war nie in einem religionspädagogischen Seminar und war doch ein großer Pädagoge. Von Gott hat er in Gleichnissen erzählt – Geschichten, die in der Lebenswelt der Menschen spielten, mit denen er es gerade zu tun hatte. 

Viele dieser Gleichnisse Jesu sind uns überliefert. Sie sind auch für uns leicht zu verstehen. Allerdings können wir dabei auch leicht aufs Glatteis geraten, wenn wir zu schnell daran herumdeuten.

Das Gleichnis von den „bösen Weingärtnern“ ist ein solches Beispiel (Matthäus 12, 12).

Eine schreckliche Geschichte, eine richtige Spirale der Gewalt. Die Deutung scheint einfach – es ist klar, wer die Bösen sind: die Schriftgelehrten und Hohenpriester. In dieser Tradition ist diese Geschichte jahrhundertelang auch immer wieder benutzt worden, um Missachtung oder Verfolgung des jüdischen Volkes zu legitimieren. 

Deswegen ist es wichtig, sich die Folgen einer so kurzsichtigen Deutung klar zu machen und noch einmal tiefer in das Gleichnis hinein zu schauen.

Sicher hat Jesus es in der damaligen Situation auf die Hohenpriester und Schriftgelehrten hin erzählt. Doch das hat nichts damit zu tun, dass sie Juden waren. Es hat vielmehr damit zu tun, dass sie die Macht hatten. Der Pächter im Gleichnis liebt seinen Weinberg. Er ist verzweifelt darüber, dass die Pächter nicht verantwortungsvoll damit umgehen. 

Wenn ich das Gleichnis höre, spüre ich diese Verzweiflung. Die Verzweiflung Gottes darüber, dass es den Menschen so schwerfällt, auf ihn zu hören und miteinander respektvoll und liebevoll auf dieser Welt zusammen zu leben. Aus einer solchen Stimmung heraus mag Jesus dieses Gleichnis von den bösen Weingärtnern erzählt haben.

Doch Jesus hat eine andere Stimmung dagegengesetzt. Jesus hat uns lebendig vor Augen geführt: wir Menschen können auch anders! Wir können zusammenleben ohne Machtansprüche und Angst.

Gott steht zu uns. Im Gleichnis heißt es: „Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, ist zum Eckstein geworden.“ Gott lässt nicht locker und gibt uns die Hoffnung und die Kraft, die wir brauchen um auch einander zu vertrauen. In Jesus hat er uns das noch einmal für alle Zeiten mitgegeben. 

Liebe ist möglich. Es ist möglich, anders zu leben, es ist möglich, füreinander da zu sein. Auch wenn es immer wieder Zeiten gibt, in denen die Kraft fehlt und in denen alles vergeblich erscheint – es gibt doch so viele Erfahrungen, dass Liebe letztlich stärker ist. 

Mit welchen pädagogischen Methoden bringe ich dies nur den Kindern bei? Ich erzähle ihnen Geschichten, rede und lebe mit ihnen und hoffe, dass die Grundstimmung der guten Botschaft Gottes wenigstens ein bisschen in ihnen weiterlebt. Jesus hat es meisterhaft geschafft, dies den Menschen nahezubringen. Bis heute leben wir davon. 

Pfarrerin Irene Geiger-Schaller, Oberhaching

Gebet: Gott, öffne uns für einander.Lass uns immer wieder neu erkennen, dass du uns in den anderen begegnest. Gib uns die Kraft Aus dieser Erkenntnis heraus Miteinander im Frieden zu leben. Amen.

Lied 98: Korn, das in die Erde