Worte wie Wolken

312
Andacht im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern

Andacht im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern zur Jesaja-Prophezeiung

Gleichwie der Regen und Schnee vom Himmel fällt und nicht wieder dahin zurückkehrt, sondern feuchtet die Erde und macht sie fruchtbar und lässt wachsen, dass sie gibt Samen zu säen und Brot zu essen, so soll das Wort, das aus meinem Munde geht, auch sein: Es wird nicht wieder leer zu mir zurückkommen, sondern wird tun, was mir gefällt, und ihm wird gelingen, wozu ich es sende.

aus Jesaja 55, 8–11

Gottes Wort ist ein fahrender Landregen“, schrieb Martin Luther. Mit dem langsamen, träufelnden, glucksenden, sickernden Wirken des Niederschlags vergleicht der Prophet Jesaja Gottes Wort: Gedanken wie sachtes Schneien, Worte wie glasklare Tropfen, die träufeln und trudeln, eindringen und einsickern, irgendwann irgendwo irgendwas wirken und Schlummerndes wachsen lassen. Wie lange warten sie oft dort, in den kahlen judäischen und palästinensischen Bergen, auf Niederschlag! Wie zäh und genügsam sind die knorrigen Olivenbäume, die Weinstöcke und Wildkräuter!

Habe ich heute, da wir so vieles mit Maschinen beschleunigen, das Warten verlernt? Alles wird heftiger, auch der Himmel. Öfter kippt er aus Kübeln, Wolken wüten über Städten und Land. Die Niederschlagsmenge geht zurück, aber Starkregen nehmen zu. Was heißt das für den Schöpfer und sein schöpferisches Reden? Ist seine Geduld nun erschöpft? 

Von Machtworten ist bei Jesaja nicht die Rede, sondern von Wirkworten. Sie wirken Wachstum und Nahrung, befrieden und erfreuen. Irdisch leben hieße dann: warten können, öfter aufschauen und aufhorchen, womöglich in gelassenem Vertrauen. Himmlisches Reden wäre dann: hie und da einen Gedanken aufsteigen, ein Wort fallen lassen, weniger planen und rechnen und deklamieren.

Worte sind heute ja nicht sehr gefragt. Sind es einfach zu viele, die auf mich einprasseln, habe ich daher den Hunger nach ihnen verloren? Sie stehen halt da. Vom Durst nach Worten erzählte mir ein katholischer Freund: Beim streaming des Wortgottesdienstes aus der Limburger Krypta lauscht und schaut eine Gemeinde von über tausend Teilnehmern, verteilt über das ganze Land, und noch mehr rufen die Seite in der folgenden Woche auf.

Vom Sprudeln der Worte berichtet eine Kollegin: Die Winterkirche in ihrer Landgemeinde findet im geheizten Gemeindehaus statt, in Form von Gesprächsgottesdiensten. Die Besucher sitzen an Tischchen auf alten Sofas, singen und beten da ziemlich gemütlich – und reden, mit der Bibel und miteinander. Statt einem Monolog der Pfarrerin gibt es Gesprächsimpulse – und die Leute wollen oft gar nicht mehr aufhören zu reden und zu hören.

Vom Wirken klarer Worte kann man sich auf Youtube bei Poetry Slam TV überzeugen: Leah Weigands Slam „Ungepflegt“ ist klar, liebevoll und sprachgewandt. Wie die junge Krankenschwester von Pflege spricht, „geht subkutan“ und hat so vielen Pflegekräften Kraft gespendet, wie ein warmer Regen auf die ausgebrannten Gemüter gewirkt, dass da in Hunderten Reaktionen die Rede ist von Tränen und Gänsehaut, von Berührung und Ermutigung.

Von Worten wie Wolken schreibt H.M. Enzensberger in seiner „Geschichte der Wolken“: „Es ist nur ein Hauch, der dich mehr berührt als die Berührung, und dass du nicht weißt warum, ist vielleicht das Glück.“

Wie Jesaja öffnet der Dichter die Tür, bringt mich ins Freie. – Doch, es geht nauswärts.

Pfarrer Ralph Baudisch, Stein