Kampf gegen Chaosmächte

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Der Psalter aus der ehemaligen Bibliothek des Klosters St. Blasien zeigt eine Initiale des Buchstabens Q mit einem Drachen als Symbol des Bösen. Das Werk entstand um 1240 und wurde ab 1279 unter Rudolf I. reich illuminiert. Foto: Museum im Benediktinerstift Stift St. Paul,Gerfried Sitar
Der Psalter aus der ehemaligen Bibliothek des Klosters St. Blasien zeigt eine Initiale des Buchstabens Q mit einem Drachen als Symbol des Bösen. Das Werk entstand um 1240 und wurde ab 1279 unter Rudolf I. reich illuminiert. Foto: Museum im Benediktinerstift Stift St. Paul,Gerfried Sitar

Mühsamer Aufstieg der Habsburger als Ordnungsmacht gegen alle Herausforderungen

Konnte das sein, die Auferstehung eines Herrschers? Der erste regierende Habsburger Rudolf I. erhielt 1284 eine irritierende Nachricht: Kaiser Friedrich II. lud ihm zu einem Hoftag nach Frankfurt ein, um ihn dort als Mitregent mit dem deutschen Königtum zu belehnen. 

So beschreibt es Alexander Schubert im Katalog der aktuellen Habsburger-Ausstellung in Speyer über dieses Herrscherhaus. Über die Ausstellung hinaus zeigen sich spannende Aspekte der Herrschaftssicherung über die Zeiten hinweg als Kampf gegen Chaosmächte. 

Denn der Stauferkaiser Friedrich II. war schon 1250 verstorben, obwohl er nun in Neuss Hof halten sollte. Rudolf I. beendete 1273 als erster Habsburger die „kaiserlose, die schreckliche Zeit“ ohne eindeutige Herrschaft nach dem Aussterben der Staufer, die er als junger Mann unterstützt hatte.

Schon in den 1260er Jahren erschienen falsche „Friedriche“. Rudolf musste sich noch 1273 mit sechs „Friedrichen“ durchsetzen. Der erfolgreichste war jener von Neuss. „Der Streich konnte aber nur gelingen, weil Angehörige verschiedener Gesellschaftsschichten die Rückkehr totgeglaubter Persönlichkeiten überhaupt für möglich hielten und die Idee staufischer Wiederkehr von der allgemeinen Stimmung in der Bevölkerung getragen wurde“, so Schubert weiter. „In der kaiserlosen Zeit des sogenannten Interregnums (1250–1273) hatte sich die rückwärtsgewandte Sehnsucht nach der ‚guten alten Zeit‘ der Stauferherrschaft entwickelt, mit der man die Vorstellung von Ordnung und Sicherheit verband.“

Friedrich II. war schon zu Lebzeiten mythisch überhöht, je nach Blickwinkel bis zum Messias oder Antichristen. Nach einer damals bekannten Sage sollte er als ein messia-
nischer Endkaiser erscheinen und vor dem Weltuntergang ein Reich des Friedens errichten. Schließlich gelang es Rudolf, dem Spuk ein Ende zu machen: Der Neusser Friedrich wurde ihm ausgeliefert. Er ließ ihn verbrennen wie einen Ketzer. Dieser soll aber an seinem Anspruch festgehalten und für den dritten Tag seine Auferstehung angekündigt haben. Nun erschien ein weiterer „Friedrich“, den Rudolf ebenfalls hinrichten musste, um seine Herrschaft zu sichern.

Später war die Auferstehungssage auf Friedrich Barbarossa, den Großvater Friedrichs II., und den Kyffhäuser bezogen, da er sich mehr im Reich aufgehalten hatte. Auch nach der Entlarvung der „Friedriche“ war die Herrschaft der Habsburger nicht unangefochten. 

Und dies, obwohl Rudolf I. bereits 1278 seinen weitaus mächtigeren Rivalen, Ottokar von Böhmen besiegt hatte, der in der Schlacht fiel. Nun zog Rudolf I. dessen Gebiete in und um Österreich, ein und legte so die weitere Machtbasis für die Habsburger. Später begab sich Rudolf todkrank in die Grablege der Salier und einiger Staufer nach Speyer, um dort seine letzte Ruhe zu finden. 

Kein glanzvoller Neustart

Dennoch gewannen im 14. Jahrhundert Ludwig der Bayer und dann sein Rivale Karl IV. gegen die Habsburger die Herrschergewalt. Erst Karls Enkelin Elisabeth heiratete als dessen letzte Erbin den Habsburger Albrecht II., so dass er 1438 wieder die Herrschaft erhielt. Vor allem sein Sohn Friedrich III. (1440–1493) legte den Grund für den Aufstieg. 

Erst seit dieser Zeit regierte die Dynastie unvorstellbar lange: bis 1918. Die historische Einschätzung der spätmittelalterlichen Habsburger unterliegt einem steten Wandel: Friedrich III. wurde lange als knauserig, zögernd und als engherziger Aktenfresser ohne weite Horizonte angesehen. Schließlich entstand nun eine akribische Buchführung für jeden Verwaltungsakt. Allein für seine Regierungszeit gibt es rund 50.000 Urkunden.

Der Westen Europas war durch den Hundertjährigen Krieges zwischen Frankreich und England destabilisiert. Im Südosten rückten die Osmanen immer weiter gen Mitteleuropa vor. Demgegenüber war der Habsburger Hof die gut funktionierende Koordinationsstelle einer stabilen Verwaltung. Dabei hielt sich der Herrscher bis zur Menschenscheu vom Alltag fern. Er regierte so lange wie niemand sonst und setzte Akzente in einer langen Übergangszeit. Die Beurteilung Friedrich III. als „Erzschlafmütze“ ist lange überholt. Aber so konnte er keineswegs einen auch nur annähernd mythischen Glanz wie die Staufer erlangen.

Glanz Maximilians

Friedrichs Sohn Maximilian (1493–1519) nutzte die Chancen der damals modernsten Medien. Er bediente sich als erster Herrscher der Möglichkeiten des Buchdrucks und der massenhaften Verbreitung von Holzschnitten. Darin ließ er sich als Idealbild des „letzten Ritters“ darstellen. Neben Hans Burgkmaier, der fast als Hauskünstler wirkte, ließ er auch Albrecht Dürer und Lucas Cranach für sich arbeiten. Seinem heldenhaften Weg konnte keine Wendung des Schicksalsrades etwas anhaben. In dem Versepos „Theuerdank“, von Maximilian weitgehend wohl selbst verfasst, stellt er sich in alte Artus-Traditionen. Daneben legte er aber auch die Grundlage für zeitgemäße Verwaltungsreformen.

Die Heirat mit der Erbin Maria von Burgund, eines der reichsten Staatswesen seiner Zeit, erweiterte seine Macht deutlich. Sie starb bereits mit 25 Jahren. Sohn Philipp, dann die Tochter Margarete erbten die Herrschaft, die der Vater verwaltete. 

Maximilians Enkel, Kaiser Karl V., fiel nicht nur das deutsche und burgundische Erbe zu, sondern auch Spanien mit seinem Kolonialreich. Darüber hinaus sicherte Karls Bruder Ferdinand dem Haus die Herrschaft über Böhmen, Kroatien und Teile Ungarns. 

Karl verstrickte sich in Abwehrkämpfen gegen die Reformation, die er als chaotische und widergöttliche Herausforderung empfand. Anders als bei der Auferstehung der „Friedriche“ ließ sich die anscheinend gottgewollte Ordnung nicht mehr herstellen. Er wollte die überholten Traditionen nicht begraben. Mit seiner Abdankung teilte Karl V. den unregierbaren Koloss in eine österreichische und eine spanische Linie. Letztere starb 1700 aus. 

Österreich gewann viel in den Türkenkriegen. Zwar erlosch auch die österreichische, männliche Linie 1740, doch gelang es der Erbin Maria Theresia die Herrschaft zu sichern und weiter zu tragen. Das geht bereits über die Ausstellung hinaus, zeigt aber die Beharrlichkeit gegen alle Widerstände. Susanne Borée

Die Habsburger im Mittelalter. Ausstellung im Historischen Museum der Pfalz am Domplatz in Speyer bis 16. April. Mehr unter https://museum.speyer.de/sonderausstellungen/aktuell/habsburger oder Tel. 06232/ 620222, geöffnet dienstags bis sonntags 10–18 Uhr. Ausstellungskatalog in der Schau für 27,90 Euro, später 35 Euro.