Verstrickungen sprengen Generationen

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Leila Slimani, Isabel Allee und mehr
Foto: Borée

Neuerscheinungen beleuchten Weitergabe von Schuld in Familen in globalen Spiegeln

Sehnsucht nach Unabhängigkeit – die französisch-marokkanische Bestsellerautorin Leila Slimani erzählt im zweiten Teil ihres vielstimmigen Familienepos von Aufbruch und Scheitern im postkolonialen Marokko um das Jahr 1968: Nicht nur in Paris gehen die Studenten auf die Barrikaden. In dieser weltpolitischen Lage treffen wir die Familie von Mathilde und Amine wieder. 

Inzwischen sind ihre Kinder mehr oder weniger erwachsen: Wildfang Aicha ist auf dem Weg, eine erfolgreiche Ärztin zu werden. Sie studiert in Straßburg, der Heimat ihrer Mutter. In ihrem Lerneifer schottet sie sich von den revolutionären Ereignissen ab, wird aber gleichzeitig als „Afrikanerin“ verachtet. Soll sie ihre Zukunft in Frankreich oder Marokko suchen? Diese Frage erledigt sich, als sie den glänzenden Wirtschaftsstudenten und Ex-Revolutionär Mehdi kennenlernt. Können sie miteinander neue Wege gehen? 

Ihr Bruder Selim trifft auf umherschweifende Hippies, auf Drogen und freie Liebe. Selbst der Onkel vom Geheimdienst kann ihn nicht mehr zurückbringen. Mutter Mathilde verbittert und verstummt.

Der Vater hat in einem arbeitsamen Leben „Schritt für Schritt wie eine Schildkröte, ein würdevolles, arbeitsames Tier“ sein Ziel eines landwirtschaftlichen Mustergutes verwirklicht. Doch je näher er dem kommt, desto mehr entfernt er sich vom Glück. Als Kämpfer ist er stark, als Sieger erschöpft. Längst schon ist er seiner Familie fremd geworden.

So erzählt Leila Slimani in ihrem vielschichtigen Familien-Epos vom Streben nach Freiheit und vom Scheitern. Wie entsteht Wirklichkeit und Wahrheit? 

Stand im ersten Teil der Trilogie das Schicksal Mathildes im Vordergrund, so trägt nun vor allem Aicha die Handlung. Und das Buch scheint mir gegenüber dem ersten Teil gewonnen zu haben: Denn Aicha erscheint als ein viel stärkerer und stimmiger Charakter als ihre Mutter. Die früher befürchtete Konfrontation ist ausgeblieben. Auch bei ihr beginnt das durchdringende Schweigen zu herrschen. Doch auch hier bleibt vieles offen: Aicha und Mehdi haben eine Tochter bekommen – wohl die Autorin selbst. Selim ist wohl in den USA verschwunden. 

Unterkühltes Leiden

Über eine fast biblische Lebensdauer von hundert Jahren hinweg beschreibt Isabel Allendes „Violeta“ eine ganze Epoche in Chile zwischen zwei Pandemien. Als sie 1920 zur Welt kommt, verwüstet die Spanische Grippe etwas später als in Europa ihre Heimat. Schon bald bedroht die Weltwirtschaftskrise ihre vornehme Herkunftsfamilie, deren Erfolg auf tönernen Füßen steht. 

Violeta beschreibt ihr Leben in einem langen Brief an ihren geliebten Enkel Camilo. Sie berichtet von ihren falschen Lebensentscheidungen, von furchtbaren Verlusten und ihren wirtschaftlichen Erfolgen sowie von historischen Verflechtungen, die ihr Leben geprägt haben. 

Dennoch erscheint Violeta seltsam gefühlskalt gegenüber fremdem und eigenem Leid. Eine Folge ihres Traumas? Ihren etwas langweiligen Ehemann verließ sie für einen gewalttätigen Abenteurer. Die erfolgreiche Geschäftsfrau erscheint wie gelähmt gegenüber den Gewaltausbrüchen ihres Lebenspartners, dem sie allzu lange alles verzeiht. 

Sie hat Camilo aufgezogen, als ihre Tochter früh bei der Geburt starb – ausgelaugt von Drogen und Prostitution. Über die elterliche Mitschuld daran wird so oberflächlich geschreiben wie über die Gewalt. Violeta versichert sie beim Sterben ihres Lieblingsbruders: „Wir litten alle in diesen Tagen.“ Doch ist auffällig, dass sie sich selbst da in der Gruppe zu verstecken scheint. Und es fast wie unbeteiligt notiert. 

Umso weniger nachvollziehbar, da sich die Autorin seit langem für Frauenrechte und gegen Diskriminierungen sexueller Minderheiten einsetzt. Violetas Wandlung erfolgt noch nicht einmal beim Tod ihrer Tochter, nicht beim Verschwinden ihres Sohnes, sondern erst beim Begreifen, dass sowohl ihr Ex-Mann als auch ihr Lebensgeführte von den Verbrechen der Pinochet-Junta profitieren. Und sie letztendlich auch – selbst wenn ihr Sohn fliehen muss. 

Es scheint, als ob Isabel Allende zu viel will. Der Spannungsbogen über die hundert Jahre trägt nicht und zerfällt in viele Splitter. Diese können durchaus auch Licht einfangen. Schließlich kann die Autorin schreiben, wie sie oft bewiesen hat. Auch hier gelingen ihr durchaus atmosphärisch dichte Beschreibungen. Gerade dramatische Zeitläufe sind eindrucksvoll und kurzweilig in Szene gesetzt. Dann wechselt es bruchlos wieder ins Langatmige. 

Der Wandlungsprozess der Geschäftsfrau Violeta hin zu einer engagierten Kämpferin, die sich offen an die Seite von Angehörigen Verfolgter stellt und eine Frauenorganisation gründet, bleibt schematisch. Zu dem angeblich heiß geliebten Enkel gewinnt sie keinen Zugang. Er wirkt schwierig, gewinnt aber kaum Tiefe. Violetas Briefe erscheinen als Monologe – gerade im Vergleich zu den vielen Stimmen um Aicha, die zeigen, wie Wahrheit von der jeweiligen Wahrnehmung der Betroffenen abhängt.

„Aber in meinem Fall ist kein Weg durchs Gehen entstanden, eher bin ich stolpernde auf schmalen, gewundenen Pfaden gewandelt, die sich unaufhaltsam im Dickicht verloren“, fasst Violeta ihr Leben zusammen, bei dem sie oft „mit den Gedanken woanders“ war. Es klingt nach lahmen Entschuldigungen für das lange Buch, das durch Kürzungen gewonnen hätte.

„Bald werde ich diesen abgehalfterten Körper verlassen, der mir ein ganzes Jahrhundert so gut gedient hat, der nun aber am Ende ist.“ Wird sie ins Licht gehen oder in die Trostlosigkeit? Doch „für die früheren Fehltritte habe ich gezahlt.“ Letztlich auch den tieferen Sinn verfehlt.

Versteckte Urahnin

Auf historische Spurensuche begibt sich die Nachfahrin „Zaras“. Ihr Urahn hatte als Missionar vor 200 Jahren im heutigen Namibia eine Einheimische geheiratet. Der Makel klebt an der Familie, die ihn möglichst verstecken will – das Europäische hat sich durchgesetzt. Viele Rückblenden, Zeitsprünge und Nebenpfade beleuchten die Chronik. Erst die Erzählerin gräbt sie aus.

Immer wieder ist ein Rückgriff auf den Stammbaum erforderlich, der jedoch nicht vollständig ist, und auf die Familiefotos. Dies Buch besticht weniger durch die Sprachkraft als vielmehr durch die authentische Erzählweise. Nach der unterkühlten Stimmung bei „Violeta“ aber erholsam. Hier gibt es endlich ein Durchbrechen der Verstrickungen – wenn auch durch tolerantere Zeitläufe.

Isabel Allende: Violeta. Suhrkamp-Verlag 2022, 26 Euro als Printbuch, 400 Seiten, ISBN 978-3-518-43016-3

Leila Slimani: Schaut, wie wir tanzen. Luchterhand Verlag 2022. 384 Seiten, 22 Euro, ISBN 978-3-8445-4720-7.

Ursula Trüper: Zara oder das Streben nach Freiheit, Quadriga 2022, 384 S., 22 Euro, ISBN 978-3-86995-125-6.