Paradies voller Albträume

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Ein vergessenes Heim für jüdische Waisenkinder ab 1946 in Strüth bei Ansbach

„Eines hatten alle gelernt: zu überleben“, erinnert sich Shlomo Arad. Er lebte ab Anfang 1946 im jüdischen Waisenhaus Strüth bei Ansbach. Ansonsten hatten die allermeisten jüdischen Kinder bislang kaum eine Schule besucht. Wie denn auch? Zur Vernichtung waren sie bestimmt. Schließlich war ihre Arbeitskraft
gering. Wahrscheinlich war jeder Vierte Ermordete minderjährig – wohl mindestens anderthalb Millionen. 

Dennoch überlebten einige Kinder und Jugendliche auf verschlungenen Wegen: versteckt und mit falschen Identitäten versehen bei Pflegefamilien oder in Klöstern. Nach dem Krieg sammelten unter anderem ehemalige jüdische Partisanen sie und versuchten sie aus Osteuropa nach Israel zu bringen.

Insgesamt strandeten in der Nachkriegszeit bis zu 200.000 heimatlose Juden, meist aus Osteuropa, vor allem im amerikanischen Sektor als so genannte „Displaced Persons“ (DPs). Diese Vertriebenen konnten nicht in ihrer Heimat in Polen oder anderen osteuropäischen Ländern bleiben. Dort mussten sie selbst nach Kriegsende vor Pogromen flüchten. Ihr Besitz und ihre Häuser waren zerstört oder geraubt. Die Briten verweigerten ihnen die Einreise nach Palästina.

Das berichtet Jim G. Tobias vom Nürnberger Institut für Holocaust- Studien. In diesem Jahr hielt er zu der Rothenburger Jüdischen Kulturwoche Le Chajim, zu der ferner auch der frühere Staatsminister und nunmehrige Antisemitismusbeauftragte Ludwig Spaenle kam, einen Videovortrag zu ihrem Schicksal unter dem Titel „Heimat auf Zeit“. 

Die Heimatlosen lebten auch in Mittelfranken in mehreren Zentren. Zuerst entstand in Fürth ein Lager für sie, bald folgten Ansbach, Windsheim oder das Wildbad Burgbernheim. Dort konnten sie sich selbst verwalten mit eigenen Zeitungen, Sportgruppen und Theatern. 

Endlich kein Hunger mehr

Ferner zeigte Jim G. Tobias einen beeindruckenden Dokumentarfilm des Nürnberger Instituts über die „Strüthkinder“. Dazu hat er sich bereits vor Jahren auf ihre Spuren bis nach Israel begeben. So entriss er die Vergangenheit dem Vergessen. 

Seit Anfang 1946 kamen mehr als 300 jüdische Waisenkinder zumeist aus Ungarn nach Ansbach. Die Jungen und Mädchen, die mit viel Glück den Holocaust überlebt hatten, fanden für knapp zwei Jahre Zuflucht in der ehemaligen Lungenheilanstalt Strüth bei Ansbach. Heute betreibt die Diakonie Neuendettelsau dort eine Klinik. 

„Als wir dort ankamen, war es, als würden wir direkt in den Himmel kommen“, erinnert sich Asher Barnir an seine Zeit in Strüth. „Bislang war unser Leben von Hunger bestimmt. Wir hatten immer Hunger. Plötzlich kamen wir an einen Ort, an dem es Kakao zu trinken gab und weißes Brot. Es war wirklich wie im Paradies“. Shlomo Arad ergänzt: „Es war wahrscheinlich die schönste Zeit in meiner Kindheit. Ja, daran denke ich gerne zurück“. Gad Willmann fasst zusammen: Es war ein „riesengroßes Gefühl von Freiheit“. 

Die Kinder und Jugendlichen waren in verschiedenen Gruppen zusammengefasst: nach Alter, ihrem Bildungsstand in Klassen, aber auch in Theater- und Sportgruppen. Ausgebildete Lehrer gab es kaum. 

So lebten sie weitgehend mit ihren eigenen Regeln, als „selbstverwaltete jüdische Insel, abseits der Ortschaft“. Neben der Schule und ihren Freizeitaktivitäten arbeiteten sie im Garten oder in der Küche, in der Wäscherei oder in der Backstube.

Ein „ausgeprägtes Gruppengefühl“ und ein klar geregelter Tagesablauf half den Kindern ihre Traumata zu überwinden – zumindest tagsüber. Nachts schrien sie im Traum oder mussten einnässen. Das berichteten mehrere Zeitzeugen gegenüber Jim G. Tobias.

„Der einzige Kontakt, den wir zu der einheimischen Bevölkerung hatten, war, dass wir ihnen Äpfel und andere Früchte von den Bäumen stahlen“, meint Shlomo Arad. „Da-
für möchte ich mich noch so viele Jahre danach entschuldigen. Nicht aus Hunger, sondern wahrscheinlich aus Gewohnheit nach so vielen Jahren“.

Ältere Jugendliche unterrichteten sie gerade auch in der hebräischen Sprache. Denn Strüth war für sie nur eine Zwischenstation auf dem Weg nach Israel. „Wir waren bereit, Europa zu verlasen. Wir wussten, dass
wir in Europa nichts zu suchen hatten, absolut nichts. Die Familien waren zerstört, wir waren heimatlos“. So fasst es Gad Willmann zusammen.

Asher Banir erinnert sich, dass es ihm im Sommer 1947 mit einer Gruppe weiterer Jugendlicher gelang, sich nach Südfrankreich durchzuschlagen. Dort schifften sie sich im Juli 1947 bei Marseille auf dem Schiff „Exodus“ ein. Es sollte traurige Berühmtheit erlangen, da es von Engländern abgefangen wurde. Anders als bei früheren Einwanderern brachten sie die 4.500 Passagiere zurück nach Hamburg. Erst mit Staatsgründung konnten sie ein Jahr später nach Israel einwandern.

Viele ehemalige Strüthkinder gelangten in israelische Kibbuzim. Denn gerade sie waren in der Lage, Waisen aufzunehmen. Einige hatten sich in Strüth so intensiv kennengelernt, dass sie heirateten und eigene Familien gründeten.

Sie können das Nürnberger Institut für Holocaust-Studien mit einer Spende unterstützen: Nürnberger Institut e.V., IBAN: DE88 4306 0967 8222 0663 00, BIC: GENODEM1GLS. 

Mehr online unter https://nurinst.org

Der Film zu den Strüthkindern unter https://www.nurinst.org/die-vergessenen-kinder-von-strueth-ein-juedisches-waisenhaus-in-franken/

Über die DPs-Camps in Westdeutschland informiert das dt./engl. Internetlexikon https://www.after-the-shoah.org