Zeit im Fluss – Zeit als Erlebnis

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Die Sonnenuhr auf der Tauberbrücke als Bestandteil eines zweigeteilten Kunstwerkes im Kunstpark der Evangelischen Tagungsstätte Wildbad Rothenburg, das Künstlerin Arianna Moroder (rechts) nun übergeben hat. Foto: Bek-Baier
Die Sonnenuhr auf der Tauberbrücke als Bestandteil eines zweigeteilten Kunstwerkes im Kunstpark der Evangelischen Tagungsstätte Wildbad Rothenburg, das Künstlerin Arianna Moroder (rechts) nun übergeben hat. Foto: Bek-Baier

Neues Kunstwerk der „Art Residency 2022“ im Wildbad Rothenburg übergeben

Rothenburg ob der Tauber. Die Tauber fließt gemächlich am Wildbad Rothenburg vorbei, bevor sie ihr Tempo ändert und sich ein Wehr hinunterstürzt. Von der kleinen Fußgängerbrücke hängt ein im Wasser schwingendes Pendel hinab. Ein Schimmer trifft das Wasser von einer goldenen Kuppel in den Arkaden am Wildbad. Beides soll den Betrachter auf den stetigen Wandel und das Phänomen Zeit verweisen.

„Alles fließt“, sagte schon der griechische Philosoph Heraklit. „Man kann niemals zweimal in den selben Fluss baden“, lautete seine Erkenntnis über die Zeit weiter. Und genau über dieses Thema, die Zeit und um das individuelle Erleben der Zeit geht es bei dem neuen Kunstwerk, das im Kunstpark des Evangelischen Tagungszentrum Wildbad in Rothenburg entstanden ist. Arianna Moroder aus Italien (geboren 1985 in Bozen) war die diesjährige Künstlerin, die ein Kunstwerk für den Skulpturenpark erschuf, während sie im Rahmen des Projektes „art residency“ (etwa „Wohnsitz für Kunst“) im Wildbad lebte und arbeitete.

Am Anfang des künstlerischen Prozesses stand Moroder vor der Entscheidung, bleibt sie bei ihrem bisherigen bevorzugten Arbeitsmaterial Textil? „Das wäre eine Herausforderung gewesen, hier im Außenbereich des Wildbades etwas Dauerhaftes zu erschaffen“, sagt sie. Oder begibt sie sich auf völlig neue Wege mit neuen Materialien? „Diese Möglichkeit hatte ich mir gewünscht, Neues auszuprobieren und zu experimentieren“, bekennt die Künstlerin. „Als ich das erste Mal im Februar das Wildbad besucht habe, hat dieser Fluss einen sehr starken Eindruck auf mich gemacht. Das Eingebettet sein des Wildbads in die Natur hat mich beeindruckt“. Arianna Moroders künstlerischer Schwerpunkt liegt nämlich im Wandel der Dinge und der damit verbundenen Veränderungen des Materials. Sie ging in verschiedenen Jahreszeiten durch den Park spazieren und beobachte den Wandel der Natur und der Dinge.

Ein Schauspiel der Natur

„Ich habe sehr viel Zeit damit verbracht, von der Brücke aus den Fluss zu beobachten“, beschreibt Moroder ihr Vorgehen. „Es ist hier ein bisschen wie in einem Kino. Man sieht die Reflexe des Sonnenlichts, die das Wassers an die Decke werfen und sieht, sie bewegen sich. Es ist für mich wie ein Schauspiel, das sich nach Uhrzeiten und auch Jahreszeiten ändert“.

Durch Besuche in der Altstadt in Rothenburg ist ihr die Idee einer Sonnenuhr gekommen. „Die Uhr ist ein von Menschen erfundenes Gerät, mit dem wir die Zeit messen. Die Reflexe des Sonnenlichtes, die einfach geschehen, helfen die Zeit auf eine intuitive Art zu erkennen“.

Der Austausch und das Lernen mit Handwerkern war in ihrem künstlerischen Schaffen immer schon ein wichtiger Bestandteil der Arbeit. Auch in Rothenburg hat sie Handwerker gesucht und in Michael Kastner einen Schmied, in Gernot Dürr einen Uhrmacher und in Joachim Herrscher einen Steinmetz gefunden. „Sie sind ein sehr großer Teil meiner Arbeit hier geworden“.

Die Sonnenuhr ist nicht im üblichen Sinne funktionstüchtig. „Meine Idee war, dass der ,Zeiger‘ einen Schatten in den Fluss wirft und dieser Schatten ist eine temporäre Erscheinung auf einer temporären Oberfläche“. Der ständige Beobachter wird feststellen, dass der Schatten zu bestimmten Zeiten auf das Wasser fällt und das Licht zu gewissen Zeiten an die Decke geworfen wird. Die Steine, die symbolisch die Zeiten auf der Uhr anzeigen, stammen aus ihrer Heimat den Dolomiten und der Toskana. „Steine sind unsere Wegbegleiter“, sagt Moroder. Eiserne Symbole, die mit Funktionen und Arbeit zu tun haben, weisen auf die drei Handwerker hin.

Tiefer Ortsbezug

„Hier geht es um Mysterien“, sagt daher Helmut Braun, Kunstreferent der bayerischen Landeskirche. „Es geht auch in der Kirche nicht um Dogmen, nicht um die Wiederholung bestimmter Rituale, sondern um die Weiterentwicklung und Weiterbewegung von Kirche“. Hier sehe er eine Verbindung zu dem Kunstwerk von Moroder. „Es ist Kunst mit einem tiefen Ortsbezug“, so Braun weiter. „Ich finde Moroder hat diesen Ort Wildbad mysteriös verwandelt und verändert“. Und Moroder antwortet: „Ich selbst komme sehr verändert aus dieser Erfahrung zurück. In jeder Hinsicht hat dieser Ort etwas Wichtiges mit mir gemacht“.

Biblische Bezüge

„Der Wandel ist ein zutiefst biblisches Thema“, erläutert Rothenburgs Dekanin Jutta Holzheuer in ihrer Ansprache. Auch wenn man heute im Glauben vor allem Sicherheit und Beständigkeit suche, wussten die Menschen der Bibel, dass Veränderung, Vergehen und Tod Bestandteile des Lebens und der Welt seien, so die Theologin. „Wir sind hineingenommen in die Dinge, die alle von Gott kommen und wieder zu ihm gehen“. Das Kunstwerk könne die Betrachter zu Gedanken anregen: „Wie wandelt sich das Kunstwerk mit der Zeit, was bedeutet Wandel für mein Leben?“

„Eine Sonnenuhr an einem Fluss, der nie der selbe ist, eine Reflexionsfläche, die ein Geschehen aus der Vergangenheit in der Gegenwart zeigt, eine Brücke, die ermöglicht, sich in das Geschehen ,Zeit‘ zu begeben, geben Möglichkeiten der Wahrnehmung von Zeit“, würdigt Wolfgang Schuhmacher, der theologische Leiter des Tagungszentrums das Kunstwerk.