Soll mein Herz erkalten?

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Susanne Borée Editorial Hintergrundbild Kraus

Editorial im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern von Susanne Borée

Alle Jahre wieder begleiten uns dieselben Themen und Fragen. Vor allem im letzten Viertel eines Jahres zwischen Erntedank und Silvester scheinen sie einem genauen
Ablauf zu folgen. Gerade wenn die Kälte draußen zunimmt, sind es Probleme, auf die die Frage der Emmausjünger zutrifft: „Brannte nicht unser Herz …?“
(Lk 24, 32). 

Denn sie berühren existentielle Themen. Allzu viele Probleme ließen sich über die Jahre hinweg nicht lösen. Sie klopfen immer wieder neu an unsere Türen. Der Mangel an Pflegekräften ist seit 30 Jahren bekannt – zu wenig tat sich.

Auch zum Hospiztag jetzt im Oktober zeigte sich erneut: Die Diskussionen um die Suizidassistenz und die Palliativversorgung von todkranken Menschen sind kaum weitergekommen. 

Im Gegenteil, der zunehmende Personalmangel in der Pflege und Beratung ist gerade bei der Versorgung und Schmerzbehandlung Sterbender besonders spürbar. Palliativzentren müssen schließen: Es gibt zu wenig Personal für sie – und die Finanzierung stockt.

Inzwischen gibt es drei Gesetzesentwürfe, über die der Deutsche Bundestag entscheiden soll. In allen steht Beratung für die Menschen an ihrem Ende in verschiedenen Nuancen im Vordergrund. 

Wird es dafür genug engagierte und kompetente Gesprächspartner geben? Ohne innere Beteiligung können sie sich wohl nur kaum solchen Beratungen stellen. Sie sind sicher geprägt von ihrer jeweiligen Sozialisation – müssen aber dies überwinden und sich auf ihr Gegenüber einlassen.

Die „Geschichtenpflegerin“ Sabrina Görlitz fragt Sterbende nach dem Wesen ihres Lebens. Ist dies nicht ein absoluter Luxus? Und als Honorarkraft erscheint ihre Stellung ungesichert. Wer bezahlt ihre Arbeit? Wollen wir uns diesen Trost von Menschen am Lebensende noch leisten?

Nein, es stimmt nicht, dass die Probleme, um die wir kreisen, dieselben geblieben sind. In Zeiten knapper Kassen und Heizproblemen scheinen sie auf ein
Abstellgleis geschoben zu sein. Ohne geschultes Personal lassen sich Pflege und Beratung gerade in Grenzsituationen kaum angehen. Ist nicht Suizidassistenz einfacher und billiger als die Prävention?

Lassen sich die vielfach miteinander verwobenen und anscheinend unlösbaren Krisen noch entwirren? Nur über Einbahnstraßen schreiben: Soll dafür mein Herz brennen in diesem Herbst – erkaltet es dann nicht?