Es ändert die Lebensrichtung

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Andacht im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern

Andacht im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern zur Bekehrung des saulus zum Paulus

Saulus „fiel auf die Erde und hörte eine Stimme, die sprach zu ihm: Saul, Saul, was verfolgst du mich? Er aber sprach: Herr, wer bist du? Der sprach: Ich bin Jesus, den du verfolgst. Steh auf und geh in die Stadt; da wird man dir sagen, was du tun sollst“ 

aus Apostelgeschichte 9, 4–6

Wenn Friedrich Nietzsche Recht hätte, wäre der Gott des Paulus ein ganz erbärmlicher Gott. „Erbarmungswürdig“ nennt er ihn in seiner Schrift „Der Antichrist“. Nietzsches Credo in dieser Schrift heißt: „Was ist gut? – Alles, was das Gefühl der Macht, den Willen zur Macht, die Macht selbst im Menschen erhöht. Was ist schlecht? – Alles, was aus der Schwäche stammt.“ Und das Schlechteste, das Schädlichste ist für ihn das Mitleiden an der Schwäche, für das der christliche Glaube einsteht: „Gott, wie Paulus ihn erschuf, ist die Verneinung Gottes“, schreibt er an anderer Stelle. Sein Idealbild hingegen ist der starke Mensch. Und er ist damit ja nicht allein. Wenn Friedrich Nietzsche Recht hätte …

Unser Abschnitt aus der Apostelgeschichte legt etwas ganz anderes nah. Hier begegnet uns kein Gott der Schwäche, sondern der Stärke. Wir begegnen einem überwältigenden Gott. Schauen wir also zunächst, was Lukas in der Apostelgeschichte erzählt. 

Zunächst führt er Paulus als Saulus ein, einen Streiter für den einen, wahren und heiligen Gott, dessen Einheit und Reinheit es zu verteidigen und zu bewahren galt – unter allen Umständen und mit allen Mitteln. Schlimmstenfalls mussten Abtrünnige und Andersglaubende verfolgt und ausgemerzt werden; die Geschichte von der Steinigung des Diakons Stephanus belegt das, so Lukas. Paulus-Saulus erscheint hier als radikaler Verteidiger des Gottesglaubens, wie er ihn bis dahin verstand.

Wir kennen die Geschichte von der Bekehrung, die er vor Damaskus erlebte. Viele sagen: danach war er ein anderer. Aber war er das wirklich?

Paulus‘ Gott ist ein überwältigender Gott. Und er erscheint ihm in der Gestalt des auferstandenen Christus. Gott kann Lebensgeschichten verändern, wandeln und neue Ausblicke eröffnen. Lukas beschreibt das sehr plastisch.

Gott verändert die Lebensgeschichte, aber nicht die Persönlichkeit oder Charaktereigenschaften. Paulus war vor seiner Bekehrung ein Radikaler und bleibt das auch danach. Er glühte für Gott vorher und nachher. Er war von der Stärke und Vollkommenheit Gottes überzeugt gewesen – und er blieb es. Was er erkannte, war dies: Stark ist Gott, nicht ich. Und weil Gott stark ist, kann ich schwach sein. Aber das für meinen Gott und mit allem, was ich bin und kann.

Er blieb also ein Radikaler – aber nicht mehr in Sachen Härte und Abgrenzung, sondern in Sachen Öffnung und Einladung. Er wollte für diesen Gott (den er in Christus anders, neu und besser kennengelernt – nein: erfahren – hatte), neue Menschen gewinnen. Den Juden wollte er nun ein Jude werden, den Griechen ein Grieche (1. Kor. 9); er entdeckte, dass die Herkunftsunterschiede keine Trennungskraft hatten („alle eins in Christus“, Gal. 3). Denn er hatte erfahren: Bekehrung ändert nicht den Menschen, sondern seine Lebensrichtung (1. Kor. 15, 10). Bei aller Radikalität: im entscheidenden Moment hatte er sich von außen berühren lassen. Von der Gnade des starken und freundlichen Gottes.

Dekan Uland Spahlinger, Dinkelsbühl