Die Gerechtigkeit, die von Gott kommt

76
Andacht im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern

Andacht im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern zum Israelsonntag

Ihr sollt nicht meinen, dass ich gekommen bin, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen; ich bin nicht gekommen aufzulösen, sondern zu erfüllen. Denn wahrlich, ich sage euch: Bis Himmel und Erde vergehen, wird nicht vergehen der kleinste Buchstabe noch ein Tüpfelchen vom Gesetz, bis es alles geschieht. Wer nun eines von diesen kleinsten Geboten auflöst und lehrt die Leute so, der wird der Kleinste heißen im Himmelreich; wer es aber tut und lehrt, der wird groß heißen im Himmelreich. Denn ich sage euch: Wenn eure Gerechtigkeit nicht besser ist als die der Schriftgelehrten und Pharisäer, so werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen.

Matthäus 5, 17–20

Ich glaub das nicht, was in der Bibel steht, das ist doch völlig aus der Zeit gefallen.“ So hat es neulich im Traugespräch der skeptische Bräutigam ausgedrückt. Ich habe das erstmal so stehen gelassen und stattdessen die Unterhaltung auf die Liebesgeschichte des Paares, den romantischen Heiratsantrag und die Hoffnungen auf die gemeinsame Zukunft gelenkt. 

Irgendwie hat der Mann Recht: Auch für mich sind manche Worte aus der Bibel schwer verständlich und gefühlt sehr alt. Gut zu lesen, dass es Jesus selbst auch so ging. „Ich bin gekommen, zu erfüllen, nicht aufzulösen.“ Man könnte auch übersetzten: „Ich möchte die alten Worte neu aufrichten.“ 

Jesus entscheidet sich also anders als mein Gegenüber und viele Menschen heute. Seine jüdische Bibel, das Gesetz und die Propheten, lässt er nicht links liegen. Stattdessen möchte er die Worte tun und lehren, also ganz in das gegenwärtige Leben hinein übertragen. Maßstab für Jesus ist die Gerechtigkeit, die von Gott kommt. Als Jude begreift er natürlich die Gesetze nicht als einengendes Gefängnis, sondern als Gestaltungsraum für das befreite Gottesvolk. Gebote sind Gottes gute Gabe. Leidenschaftlich interpretiert Jesus sie für seine Zuhörerinnen und Zuhörer. 

Schon bin ich drinnen in der Frage, was die alten biblischen Worte heute noch bedeuten können. Mit Jesus spüre ich, diese Worte vergehen nicht, sie wollen aber immer wieder neu gedeutet werden. Hinter jeder Herausforderung oder jeder Ermutigung begegnet mir Gottes treue und beständige Liebe. Jesus selbst verkörpert sie. Der Jude Jesus erinnert uns Christinnen und Christen täglich daran, dass Gott seinem Volk Israel treu bleibt. „Kein Tüpfelchen vom Gesetz“ soll vergehen, das ermutigt mich, in der Welt und in meinem Leben nach Gottes Spuren zu suchen. Übrigens, am Ende des Traugesprächs redeten wir noch über den Trauspruch aus der Bibel. „Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung und Liebe“ hatte die Braut ausgesucht. „Diese Liebe erfüllt sie, das spüre ich“, sprudelte es aus mir he-raus und ich meinte, der Bräutigam hätte mir verstehend zugenickt.

Dekan Max von Egidy, Uffenheim

Gebet: 

Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, Sarahs, Rebekkas, Leas und Rahels, du Gott Jesu: Aus der Bibel hören wir von deiner großen Barmherzigkeit und Liebe, die du immer wieder neu schenkst. Hilf uns auch heute, dass wir diese frohe Botschaft begreifen können. Öffne uns das Herz und schärfe unseren Verstand für deine treue Gegenwart in unserem Leben und der Welt. Amen.

Lied 434: Schalom Chaverim