… so werdet ihr leben!

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Andacht im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern

Und des Herrn Wort geschah zu mir: Was habt ihr unter euch im Lande Israels für ein Sprichwort: „Die Väter haben saure Trauben gegessen, aber den Kindern sind die Zähne davon stumpf geworden“? So wahr ich lebe, spricht Gott der Herr: Dies Sprichwort soll nicht mehr unter euch umgehen in Israel… Werft von euch alle eure Übertretungen, die ihr begangen habt, und macht euch ein neues Herz und einen neuen Geist. Denn warum wollt ihr sterben, ihr vom Haus Israel? Denn ich habe kein Gefallen am Tod dessen, der sterben müsste, spricht Gott der Herr. Darum bekehrt euch, so werdet ihr leben.

aus Hesekiel 18, 1–4.21–24.30–32

Herr Pfarrer, ich bin doch kein schlechter Mensch! Warum werde ausgerechnet ich gestraft?“ Auf der Intensivstation des Krankenhauses, auf der ich Dienst als Seelsorger getan habe, ist mir diese Frage oft begegnet. Um es gleich vorwegzunehmen, ich bin überzeugt, dass es keine Strafe Gottes ist. Es ist das Leben, das zerbrechlich ist und endlich. Die Frage bleibt, warum ist das so?

Hier geht es wohl um eine der wichtigsten und gleichzeitig eine der schwierigsten Fragen der Menschheit. „Warum geht es mir schlecht?“ Auf diese Frage wurde und wird daher immer wieder eine Antwort gesucht und versucht. „Ich habe doch nur mein Leben gelebt und dennoch, trifft es mich“ Hier zur Zeit Hesekiels heißt es: „Und doch muss ich dafür büßen, was andere getan haben? Wo bleibt da die Gerechtigkeit?“ Die Deportierten, die nach Babylonien verschleppt worden waren, waren sich sicher, sie büßen mit ihrer Gefangenschaft für die Sünden ihrer Vorfahren: „Die Väter haben saure Trauben gegessen, aber den Kindern sind die Zähne davon stumpf geworden“? Das Sprichwort, drückt diese Überzeugung der Vergeltung über Generationen hinweg aus. 

Hesekiel empfing nun die Botschaft Gottes, dass dieses nicht Gottes Gerechtigkeit entspricht. Nicht nach der Schuld aller, schon gar nicht der der Vorfahren wird der Einzelne beurteilt. Jeder ist für sich selbst verantwortlich. Gott, so der neue Akzent den Hesekiel setzt, handelt dabei nicht automatisch: Auge um Auge, Zahn um Zahn gilt bei ihm nicht. Hier heißt es: Gott möchte seine Geschöpfe retten, will sie auf den rechten Weg führen, will ihr Leben! Aber dennoch, so heißt es hier, wer sündigt und die ausgestreckte Hand Gottes zur Umkehr nicht ergreift, der wird bestraft. 

Es glaubt heute kaum noch jemand, dass er für Übertretungen, die vor seiner Zeit begangen wurden, zur Rechenschaft gezogen wird. Aber: Wer von uns fragt sich nicht, warum ich? Hesekiel und die Menschen seiner Zeit glaubten ganz fest, dass die Strafen, sogar der Tod für die Sünden, von Gott kommen. Aber Hesekiel ist sich gleichzeitig sicher: Bekehrt euch, so werdet ihr leben. Gott will ja, dass wir leben.

Etwas anders klingt es – gottseidank – für uns Christen im Neuen Testament: Der Gerechte wird aus Glauben leben. Ja, es gehört Einsicht, Umkehr und Glaube dazu, dass Gott es ist, der errettet. 

Wie gesagt, zu jeweils anderen Zeiten, gab es schon immer wieder und gibt es noch etwas andere Antworten. Doch diese Aussage im Neuen Testament ist für mich zeitlos und gilt: „Der Gerechte wird aus Glauben leben!“ (Römer 1, 17)