Was wir an Gott erleben

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Andacht im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern

Andacht im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern zu Trinitatis

O welch eine Tiefe des Reichtums, beides, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes! Wie unbegreiflich sind seine Gerichte und unerforschlich seine Wege! Denn wer hat des Herrn Sinn erkannt, oder wer ist sein Ratgeber gewesen? Oder wer hat ihm etwas zuvor gegeben, dass Gott es ihm vergelten müsste? Denn von ihm und durch ihn und zu ihm sind alle Dinge. Ihm sei Ehre in Ewigkeit! Amen.“ 

Römer 11,33–36

Es war eine der gängigen Übungen im Konfirmandenunterricht, wenn die Konfis eine Auswahl an Bibelstellen unter folgender Fragestellung zuordnen durften: „Ist hier von Gott die Rede wie von einem Vater oder wie von einem Sohn oder wird die Wirkung eines Geistes beschrieben?“ 

Spannende Gespräche waren das anschließend mit den jungen Menschen. Durch diese Übung hatten sie verstanden: Unser Reden von Gott versucht in Worte zu fassen, was wir an „Gott“ erleben. Es versucht in Worte zu fassen , was Worte nie ganz zu fassen vermögen. Auch wenn unsere Worte immer nur vorläufig sind, hatten die Jugendlichen nach dieser Übung verstanden, wie es zum Apostolischen Glaubensbekenntnis und seinem Bekenntnis zur Dreiheit Gottes gekommen ist: Wir bekennen und fassen zusammen, wie wir Gott erlebt haben.

Auch Kirchenvater Augustin hatte ja Probleme gehabt das Thema der Trinität Gottes zu erfassen, bis er eines Tages einen Jungen sah, der in einer Muschel Meerwasser an das Ufer trug. „Was tust du?“ fragte Augustinus. Der Junge antwortete: „Ich schöpfe das Meer aus!“ Da soll Augustunis erkannt haben: Weder das Meer noch die Dreieinigkeit Gottes kann ein Mensch erschöpfen. Sie ist ein offenbartes Geheimnis Gottes, kein verborgenes. Sie ist keine menschliche Erfindung. Dreieinigkeit, das ist die für uns Menschen die am tiefsten gehende Beschreibung von Gottes Wesen. Weil wir sie nie ganz erschöpfen können soll es nach Philipp Melanchthon angemessener sein  die Geheimnisse Gottes anzubeten, als sie zu erforschen.

Es sind da ja so viele ungelöste Fragen: Das Leid, die Gewalt, der Hass, die Angst, der Tod und wie viele haben sich um Verstehen und Antwort bemüht. Am Ende hat Paulus das Denken, Analysieren und Argumentieren gelassen und sich zu Gott bekannt, weil auch er die Erfahrung gemacht hatte, dass es Gott trotzdem gibt und dass er wirkt, auch wenn er ihn nicht ganz versteht und beschreiben kann. 

Eine Geschichte aus dem Judentum erzählt: Gelehrte Rabbiner hatten sich versammelt, um über Gott zu Gericht zu sitzen: wie er den Holocaust habe zulassen können. Sie debattierten die ganze Nacht hindurch. Schließlich, gegen Morgen, gelangten sie zu dem Urteil, dass Gott am Leid der Juden schuldig  sei – und sie verurteilten ihn. Da schaute einer von ihnen zum Fenster hinaus und sagte: „Die Sonne geht auf – es ist Zeit zum Gebet.“

Es ist gut, sich mit „Gott“ zu befassen, zu fragen, zu zweifeln und vor allem zu beten in seinen unterschiedlichen Facetten wie Bitte, Fürbitte, Klage, Schweigen, Lob, Dank. Man begibt sich dadurch unter den Segen, in diesen Raum, der gut tut.

Geist, Körper und Seele verweben sich. Und immer wieder gehört zu den unbegreiflichen Phänomenen unseres Lebens:  Die Schönheit, Vielfalt und unendliche Pracht der Schöpfung, so erlebbar im Mai oder auch bei der Geburt eines Kindes. Sie weisen auf den Schöpfer hin.

Und dann das unbegreifliche und starke Band, das Liebe zwischen Menschen und Geschöpfen weben kann, und dann die dynamische Kraft, die so reinigt, klärt und anscheinend unerschöpflich ist, eben Gott, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist.

Dekanin Ingrid Gottwald-Weber, Weißenburg