Ostern geht unter die Haut

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Susanne Borée, Evangelisches Sonntagsblatt aus Bayern

Andacht im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern zur Osterhoffnung

Kühl strömt mir die nächtlich-kalte Luft durch die Nase auf dem Weg zur Kirche in der Osternacht. In der Dunkelheit wirkt das Innere der Kirche so viel größer als am Tag. Mit tastenden Schritten suche ich meinen Platz. Das Atmen und leise Rascheln und gelegentliche Räuspern da und dort beruhigt sich schließlich – bis eine einzelne menschliche Stimme mit den ersten Worten in die Stille und Dunkelheit hineinspricht und den Gottesdienst eröffnet. Die Feier der Osternacht geht mir jedes Jahr von neuem unter die Haut. In der Einsamkeit, Stille und Dunkelheit der Nacht hat Gott das Blatt gewendet. Der Tod hat nicht das letzte Wort! „Der Herr ist auferstanden! Er ist wahrhaftig auferstanden!“ – Das warme, flackernde Licht der Osterkerze an den Wänden der Kirche kündet davon: Das Leben siegt über den Tod.  Mitten hinein in die Nacht vor dem Ostermorgen führt uns die Szene, von der Markus berichtet:

„Als der Sabbat vergangen war, kauften Maria Magdalena und Maria, die Mutter des Jakobus, und Salome wohlriechende Öle, um hinzugehen und ihn zu salben. Und sie kamen zum Grab am ersten Tag der Woche, sehr früh als die Sonne aufging. (…) Und sie gingen hinein in das Grab und sahen einen Jüngling zur rechten Hand sitzen, der hatte ein langes weißes Gewand an, und sie entsetzten sich. Er aber sprach zu ihnen: Entsetzt euch nicht! Ihr sucht Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden, er ist nicht hier. Siehe da, die Stätte, wo sie ihn hinlegten. (…) Und sie gingen hinaus und flohen von dem Grab; denn Zittern und Entsetzen hatten sie ergriffen. Und sie sagten niemand etwas. Denn sie fürchteten sich.“ 

    aus Mk 16, 1–8 

Die Frauen gehen zum Grab. Ihnen geht dieser anbrechende Morgen auch unter die Haut, aber anders als mir selbst in der Osternachtsfeier. Ihnen steckt der Schrecken des Karfreitags noch in den Gliedern. Ihr Leben ist aus den Fugen geraten – erdrutschartig, so als zöge ihnen jemand den Boden unter den Füßen weg.

Obwohl die drei Frauen nicht wissen, wie es nun weitergehen kann, machen sie sich in der Dunkelheit und Kühle der Nacht auf den Weg. Sie wollen den Toten salben. Diese letzte Zuwendung können sie Jesus noch schenken. In diesem Jahr kehre ich beim Lesen des Osterevangeliums zum morgendlichen Aufbruch der drei Frauen zurück – zu ihrer Erschütterung und ihrem Mut, dennoch loszugehen. 

So vieles stellt heute die Zukunft in Frage und verunsichert uns – Corona und die Folgen, ein nervöser Finanzmarkt und die drastische Inflation. Der Schutz der Umwelt scheint um Jahre zurückgeworfen mit unabsehbaren Konsequenzen. Wir blicken erschüttert auf die Gewalt des Krieges in der Ukraine. Ein Leben in Frieden und Sicherheit ist noch nicht in Sicht.

Wir sehen den Ausweg aus all’ dem noch nicht, aber wir können wie die Frauen am Ostermorgen versuchen zu tun, was wir selbst für richtig erkannt haben, weil es Not lindert und die Würde von Menschen schützt. Sehr konkret kann das geschehen, indem wir angesichts von Corona weiterhin aufeinander achten, angesichts knapper werdender Lebensmittel weniger verschwenden, angesichts der wirtschaftlichen Verflechtungen Energie sparen. Tod und Gewalt sollen nicht unwidersprochen das letzte Wort haben. Die Osterbotschaft kann auch uns unter die Haut gehen und uns verändern.

Pfarrerin Gesine Beck, Augsburg