Mit der Drohne über dem Friedhof

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Mit einer Drohne wird von einem Mitarbeiter des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege ein jüdischer Friedhof aus der Luft fotografiert und vermessen. Foto: BLfD
Mit einer Drohne (außerhalb des Bildausschnittes) wird von einem Mitarbeiter des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege ein jüdischer Friedhof aus der Luft fotografiert und vermessen. Foto: BLfD

Projekt: Erfassung jüdischer Grabmäler in Bayern, Teil 3

Jüdische Friedhöfe sind bedeutende Zeugnisse unserer Geschichte. Sie wirken durch ihre Lage oft malerisch auf uns. Doch angesichts der fortschreitenden Verwitterung der Grabmäler, die mit einem Verlust der Grabinschriften einhergeht, bleibt kein Raum für Idylle. Der Zahn der Zeit, Wind und Wetter haben den erhaltenen jüdischen Friedhöfen und ihren Grabsteinen schwer zugesetzt. 

Grabsteine auf jüdischen Friedhöfen sind oft von Flechten und Moosen überwachsen, was mit der Verwilderung durch zahlreiche Bäume zusammenhängt. Die Bäume überschatten die Grabsteine und dadurch wachsen Moose und Flechten gut. Was wir heute als pittoresk empfinden, kann großen Schaden an den historischen Grabmalen anrichten. Wertvolle Inschriften und Informationen gehen so bald verloren.

Susanne Klemm, vom Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege (BLfD) zuständig für die Erfassung jüdischer Grabmäler in Bayern betreut das gleichnamige Projekt, bei dem eine Erfassung sämtlicher Friedhöfe vorgenommen wird, um den Bestand an Grabmälern virtuell zu sichern. In einem Online-Vortrag, in Zusammenarbeit mit der Volkshochschule München, klärte Susanne Klemm die Zuhörer über jüdische Friedhöfe in Bayern und das Projekt des Landesamtes auf. Sie erläuterte und verdeutlichte die verschiedenen Formen und Ursachen der Schäden wie die Inschriften der Steine der Nachwelt bewahrt werden können.

„Zunächst müssen wir für unser Projekt digitale Vermessungspläne aller jüdischen Friedhöfe anfertigen“, erläutert die Wissenschaftlerin. „Das ist wichtig, um erstens zu wissen, wie viele Grabsteine gibt es überhaupt. Dann um die Grabsteine im Friedhof zu verorten, sie eindeutig identifizieren zu können.“ In vielen Friedhöfen finden die Archäologen kongruierende  Nummernsysteme vor. „Das ist ein Ärgernis und führt zu sehr viel Verwirrung. Da sind wir auf der sicheren Seite, wenn wir zu jedem Grabstein die Geodaten und Koordinaten hinterlegt haben“, so Klemm. Man kann dann mit der Nummerierung in einem Friedhofsplan die Grabstein-Identifikationsnummer ID festlegen, die unverwechselbar für jeden einzelnen Friedhof benannt wird. „Wir stellen der Grabsteinnummer ein Ortskürzel voraus, für Lautenbach wäre das zum Beispiel Lau_001.“ Nach diesem System werden sämtliche Grabsteine in Bayern benannt. „Unter dieser Grabsteinnummer können wir sämtliche Informationen und auch alle Fotografien in der Datenbank abspeichern.“ 

Der nächste Arbeitsschritt ist die hochwertige Dokumentarfotografie aller Grabsteine. Es sind noch etwa bis zu 70.000 Grabsteine zu fotografieren. „Wir haben hier Standards benannt, nach denen diese Fotografien angefertigt werden müssen“, erklärt Klemm. „Selbstverständlich ist die Datenspeicherung dieser Menge an Daten eine Aufgabe, die wir vom BLfD bewältigen müssen.“ So schaffe man eine öffentlich einsehbare und nutzbare Datenbank, die von jedem Interessierten genutzt werden kann. 

Moderne Methoden

Bei der grundlegenden Planerstellung, kommen unterschiedliche Vermessungsmethoden zum Einsatz. Einerseits würden zwar bereits bestehende Vermessungs- Pläne Verwendung finden, aber auch moderne Methoden wie 3D-Laserscanning, Fotogrammetrie seien im Repertoire. „Was verstärkt angewendet wird ist die Drohnenfotogrammetrie.“  Klemm zeigt ein Bild ihres Kollegen, Dr. Roland Linck, der am Tablet die Flugbahn für die Drohne programmiert. Die Flugbahn der Drohne führt in vorbestimmten Bahnen über den Friedhof mit vorher festgelegten Parametern: Flughöhe, Flugrichtung, Überlappung der aufzunehmenden Fotos und Kameraeinstellung. Alle paar Sekunden wird ein Foto geschossen. In einem langwierigen Prozess werden die Bilder danach am Computer übereinandergelegt und man erhält ein senkrechtes Foto der Anlage – ein sogenanntes Orthofoto. Diese verzerrungsfreie und maßstabsgetreue Abbildung der Erdoberfläche ermöglicht den Wissenschaftlern dann einen sehr genauen Friedhofsplan zu erstellen. 

Der richtige Zeitpunkt

Es sei wichtig sich mit der jüdischen Gemeinde vor Ort gut abzusprechen. „Wenn das Gelände frisch gemäht ist, dann kann aus diesem digitalen Geländemodell sogar die Höhe der Grabsteine errechnet werden“, erklärt Klemm. „Das ist ein riesiger Vorteil, gerade wenn es sich um große Friedhöfe mit ein paar tausend Grabsteinen handelt, wie  in Rödelsee.“ Denn die Alternative wäre jeden Grabstein einzeln mit Metermaß zu vermessen. 

Die fotografische Dokumentation ist eine große Aufgabe, was oft unterschätzt wird. Das Ergebnis der Fotografie ist auch vom Zustand der Inschrift abhängig. Wenn sie gut erhalten ist, wird logischerweise auch das Foto gut.  

„Wir arbeiten viel mit Streiflicht, und erhalten damit ein wunderbares Schriftbild. Das ist das Ziel der fotografischen Dokumentation.“ Wenn alle 80.000 jüdischen Grabsteine in Bayern mit dieser Qualität dokumentiert sind, dann kann auch die Entzifferung der Inschriften zurückgestellt werden. „Dann haben wir mehr Zeit für die Übersetzungsarbeiten durch die Judaisten.“

Wo wenig Hoffnung war

Manchmal ist eine Reinigung der Inschrift notwendig, denn wir wollen ja die Texte dokumentieren, um letztlich die biografischen Personendaten der Verstorbenen auch aufnehmen zu können.“ Das ist auf sehr bewaldeten Friedhöfen häufig der Fall, wenn die Grabsteine überschattet stehen und so Flechten und Moose gut gedeihen. Das war früher oft anders. Klemm zeigt zur Veranschaulichung ein historisches Foto des Friedhofes Schopfloch, der damals nur drei Bäume als Bestand hatte, als die jüdische Gemeinde noch aktiv war. Heute steht ein dichter Wald dort.

„Da bleibt nichts anderes übrig, als diese Grabsteine zu reinigen, was ein ziemlich aufwändiger Prozess ist.“ Gereinigt würde immer ohne Chemikalien, schonend, mit Heißdampf und einem niedrigen Wasserdruck, damit kein Substanzverlust am Stein entsteht. Danach ist oft die Inschrift zu lesen, wo man vorher nichts lesen konnte. 

Aber auch mit modernen Fotografiemethoden kann man verloren geglaubte Schriften manchmal wieder sichtbar machen. Dazu wird der Grabstein einmal von links und einmal von rechts mit Streiflicht beleuchtet und fotografiert. Dennoch können die Flechten auch danach noch das Schriftbild stören. Diese Fotografien kann man dann am Computer in einem speziellen Programm übereinanderlegen. Mit verschiedenen Arbeitsschritten wird dann ein lesbares Schriftbild erzielt, wo erst keine Hoffnung mehr bestand.

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