„Wir müssen uns verändern und das schnell“

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Alexander Krex von der ZEIT gab den ersten Impuls.Foto: ELKB, McKee
Alexander Krex von der ZEIT gab den ersten Impuls. Foto: ELKB, McKee

Erfrischende Außenbetrachtungen der bayerischen Landeskirche gaben Synode Impulse 

Die mehr als hundert Synodalen wollten bei ihrer Tagung in Geiselwind bei dem Schwerpunktthema der Frage nach einer zukunftsfähigen Kirche nachgehen. Drei Besucher gaben der Kirche, in diesem Fall den Synodalen, Impulse von außerhalb der bayerischen Landeskirche. Die Frage war: Werden sie etwas hinterlassen? Was kann die Kirche von diesen Impulsen lernen? Einen „geistlichen Schwangerschaftstest“ sollten die Synodalen, die Kirche am Ende des Tages machen. 

Ich bin eingeladen, weil ich keine Ahnung habe“, begann der Journalist Alexander Krex seinen Impulsvortrag vor der Synode der Bayerischen Landeskirche, die in Geiselwind tagte. „Warum missioniert mich keiner?“, lautete sein viel beachteter Artikel in der Wochenzeitung „Die Zeit“. Der gebürtige Ostberliner fragte darin, „Wie kann es sein, dass die Kirche so gar keine Rolle in meinem Leben spielt?“ Damit erregte er Aufmerksamkeit in der Kirche und wurde als Prototyp eines Menschen, den Kirche erreichen will, für die Vorbereitenden der Synode interessant. 

Weder der Artikel noch der Impulsvortrag waren eine Abrechnung mit der Kirche. Es war eine erfrischende Außenbetrachtung, die die Synodalen mit auf den Weg in ihre anschließenden Beratungen bekamen. Er selbst gehe gerne in eine Kirche, sagte Krex. „Spüren, dass man sich nicht immer selbst tragen muss, das klingt nach Schwebebad, nach wahnsinniger Entspannung, es klingt gut.“

Aber er hat Fragen an die Kirche:  „Warum bin ich so interessant für die Kirche?“, lautete die erste Frage. „Sie sind unverdächtig“, habe die Antwort in mehreren Fällen vom Kirchenpersonal gelautet. Krex packte die Kirche an ihrem Binnenjargon: „Wenn ich unverdächtig bin, ist dann jeder in der Kirche verdächtig? Wessen verdächtigen Sie sich? Warum werde ich wichtig genommen?“, fragte er, der ansonsten wenig Interesse an der Kirche zeige. „Warum glaubt Kirche, nicht interessant zu sein“. Sein Tipp an Menschen, die Gottesdienste halt: „Stellen Sie sich immer vor, dass in der Kirche auch jemand sitzt, der sich durch Zufall verirrt hat.“

Aber die Kirche, so Krex, ist nicht das einzige Angebot auf dem „Markt“ der Sinnsuche. „Die Kirche konkurriert mit Yoga und dem THW“, sagte Krex. „Gestehen Sie sich das ein, legen Sie den historisch abgeleiteten Anspruch ab, die einzige Wahrheit zu verkünden“, sagte er zu den Kirchenparlamentariern. So erleichtere man Außenstehenden den Zugang zu Glaube und Kirche.

Der Vorteil der Kirche

Wenn die Sinnsuche aber ein „Markt“ mit vielen Angeboten ist, dann habe die Kirche eindeutig einen Vorteil vor anderen Anbietern: Sie müsse nichts verkaufen, das Christentum sei kein Schneeballsystem, man müsse „keine Klinken putzen“ und „nicht lügen“ wie viele Verkäufer. Die Kirche hat doch einiges anzubieten. „Denken Sie sich die Kirche nicht als jahrhundertealtes Konstrukt“, forderte er, „sondern als schnell wachsendes Start-up“, das alles umkrempeln wolle. Das Beste daran sei, dass sich Kirche „keine Backstory ausdenken“ müsse, schließlich habe sie ja die Bibel, erläuterte Krex. „Sie müssen den Leuten nur klar machen, dass Sie die Nummer Eins sind“. 

Ihm sei aufgefallen, dass manche in der Kirche, die Kirche modern aussehen lassen möchten. „Muss Kirche modern sein?“, fragte  daher Krex und lieferte zugleich die Antwort: „Nein. Es kann etwas althergebracht sein und auch althergebrachte Sprache benutzen!“ Die Kirche müsse nicht die neueste Jugendsprache verwenden. „Kirche muss wiedererkennbar sein, das bewahren, was sie hat.“ Er liebe althergebrachte Sprache und alte Kirchengebäude – andere bräuchten jedoch vermutlich modernere Anknüpfungspunkte. Dass Kirche „in den gegenwärtigen Diskursen“ etwas zu sagen habe, steht für den Journalisten außer Frage. Sie müsse auch politisch sein, nicht im tagesaktuellen „Twitter-Staccato“, aber sie müsse sich zu Wort melden, wenn etwas schiefläuft: „Sie darf naive Forderungen stellen, aus dem Herzen sprechen.“ Krex: „Es hilft zu hören, dass Gott jeden liebt.“

Die vielen Fragen des Selbstzweifels, die sich Kirche immer wieder stelle, verwirre ihn, sagte der Journalist. Dreht sich die Kirche zu sehr um sich selbst? Eine große Organisation muss auf sich selbst schauen, um auf Kurs zu bleiben, gab er die Antwort. Muss Kirche an sich zweifeln? Die Kirche müsse Haltung zeigen. Nur sie könne auf den Zynismus der Welt Antworten geben. Wie auf die Frage nach dem Leid und dem Bösen in der Welt: „Wie kann Gott zulassen, dass eine Geburtsklinik bombadiert wird? – Jeder Christ sollte darauf eine Antwort parat haben!“

Den zweiten Impulsvortrag zum Thema „Zukunft der Kirche“ hielt Israel Perreira, München: „Von der vergeblichen Suche nach Begeisterung.“ Perriera ist in den USA aufgewachsen und hat brasilianische Wurzeln. Er studierte Marketing, Management und Theologe. Gerade ist er Manager bei Bosch. Seine Eltern waren Missionare und er ist charismatisch, pfingstlerisch geprägt. Doch er warnte vor Schubladendenken im Christentum. Eindrücklich erzählte er den Synodalen seine erste Begegnung in einem fremden Land – Deutschland – mit der Kirche. Als Christ suchte er dort Anschluss. Willkommen sein, das könne man ohne Sprachkenntnisse überall vermitteln, so seine Grundthese.

Zukunft und PuK

„Welche Kirche braucht es in der Zukunft…, und was kann der PuK-Prozess dazu leisten?“, fragte Pfarrer und Kirchenentwickler Steffen Bauer von der Evangelischen Kirche in Hessen-Nassau. Der Prozess Profil und Konzentration (PuK) der bayerischen Landeskirche habe eine Grundhaltung: Das Nachdenken über den biblischen Auftrag, den man immer wieder in Verhältnis setzt zum Leben der Menschen, „PuK hat man nicht, PuK lebt man“, sagte Bauer. „Die Führung des Wandels braucht einen Wandel der Führung“, war ein weiter Kernsatz seines Vortrages. Und das würde die Synode gerade beherzigen und umsetzen, in dem sie sich von außerhalb der Synode bereichern lassen würde. „Es braucht lebendig zuhörende Menschen, die sich durch das Gehörte in Frage stellen lassen.“

Er kritisierte aber zugleich den mehr als 40-seitigen PuK-Beschluss der Synode. Dabei sei „alles aufgeschrieben worden, damit sich alle darin wiederfinden“. Das wiederum stehe den PuK-Zielen entgegen. Man müsse „Weglassen einüben“ und sich dabei Mut machen. „Es braucht eine Kirche der Menschen, die nicht mehr zwischen ,die‘ und ,wir‘ unterscheidet“, sagte Bauer. Angesichts der Veränderungen der Zukunft „müssen wir als Kirche uns verändern – und das schnell.“